All unser Übel kommt daher, dass wir nicht allein sein können.

(Arthur Schopenhauer, 1788–1860)

Welchen Tag haben wir heute? Wie spät ist es? Mein Zeitgefühl ist mir in der Wüste völlig abhandengekommen. Ich befinde mich irgendwo in der Pampa am anderen Ende der Welt. Genauer gesagt in der Atacamawüste in Chile. Die Abgeschiedenheit und Einöde der Wüste haben mich in ihren Bann gezogen. Außer der endlosen Weite scheint es nichts um mich herum zu geben. Keine anderen Läufer, keine Zuschauer, kein Gedränge, keine Hektik, keine Musik. Keine Menschenseele weit und breit. Keine Stimmen. Nichts. Absolute Stille. Bewusst nehme ich meinen Atem wahr. Gleichmäßig und ruhig. Meine Gedanken kreisen und ich lasse sie kreisen. Ich bin eins mit mir, bin ganz bei mir. Es kehrt Ruhe in mir ein. Ich bin mir selbst genug. Es ist wie eine innere Reinigung.

Eine Gänsehaut macht sich auf meinem ganzen Körper breit. Ich liebe diesen Zustand. Ich liebe solche Momente. Ich liebe das Alleinsein. Klingt das befremdlich für dich?

Wir alle benötigen ab und an Zeit für uns. Zeit nur für uns. Um über uns und unser Leben nachzudenken, zu reflektieren, zu träumen, zu entspannen. Allein zu sein ist einer der am meist unterschätzten Erfolgsfaktoren. Können wir Menschen als Herdentiere überhaupt für längere Zeit allein sein? In unserem Alltag sind wir ständig von anderen Menschen umgeben. Beim Job, zu Hause, im Verein, auf der Straße, während der Zugfahrt. Fast ununterbrochen sind wir von Geräuschen und Lärm umringt. Stimmengewirr, Motorengeräusche, Telefonklingeln, Autogehupe, Musik, Medienbeschallung. Wir sind permanent abgelenkt, mittendrin im Leben und können uns eine Welt ohne Smartphone, E-Mails, Social Media und Internet gar nicht mehr vorstellen. In so einer Atmosphäre fällt es schwer, über wichtige Projekte oder gar essenzielle Lebensfragen nachzudenken. Leicht verwechseln wir manisches Beschäftigtsein mit Erfüllung.

Es ist wichtig, dass du Abstand zum Alltag gewinnst, um wieder ein Gefühl für die Möglichkeiten zu bekommen, die dir offenstehen. Wie oft sind wir in unserem Leben wirklich allein? Haben Zeit nur für uns? Befinden uns in Stille? Sind ganz bei uns?

Wir brauchen solche Pausen, um über unsere Werte und unser Leben nachzudenken, über die Richtungen, die wir eingeschlagen haben. Wir müssen immer wieder innehalten, um nicht vom Strom des Dringlichen und Alltäglichen mitgerissen zu werden. Das Dringliche hat die Neigung laut zu erscheinen, damit es wichtig wirkt. Aber in ruhigen Momenten können wir differenzieren. Wir können wieder Wichtiges von Pseudowichtigem unterscheiden. Im Alleinsein finden wir zu unserem eigenen Rhythmus und zu unserer natürlichen Kreativität zurück.

Das Alleinsein erfahre ich nicht nur im Rahmen meiner Laufabenteuer und Expeditionen, sondern ich integriere solche „ICH-Phasen“ ganz bewusst in meinen Alltag. Beispielsweise bin ich für das Schreiben dieses Buchs häufig in den Schwarzwald, genauer gesagt in das Höhenhotel Rote Lache, gefahren. Das Besondere an dieser Unterkunft: Sie liegt abgeschieden im Wald auf einer Höhe von 700 Metern. Drumherum nichts außer Natur. Und vor allem Ruhe. Abgesehen vom Knacken der Äste und dem Zwitschern der Vögel ist es hier meistens vollkommen ruhig. Wenn ich im Büro nicht mit dem Schreiben vorankam und schier am Verzweifeln war, fuhr ich wieder zu meinem geliebten Höhenhotel. Dort im Schwarzwald war ich frei von inneren und äußeren Zwängen, fühlte mich rundum wohl und erfuhr keinerlei Ablenkung. Eine Quelle der Kreativität. Eine Fundgrube der Inspiration. Nur in einer ruhigen Umgebung und mit einer ruhigen Seele entstehen große Gedanken.

Alleinsein ist jedoch nicht zu verwechseln mit Einsamkeit. Während Einsamkeit ein Gefühl darstellt, in der wir das Alleinsein negativ bewerten, ist Alleinsein zunächst eine neutrale Situationsbeschreibung. Sie kann positiv oder negativ interpretiert werden. Einsamkeit, so sagt der Psychologe John Cacioppo von der University of Chicago, ist nicht an die An- und Abwesenheit von Menschen gebunden. Sie sei auch nicht an die Anzahl von Menschen gebunden, die man kennt. Wer einsam sei, dem fehlten nicht einfach Menschen – sondern das Gefühl, von ihnen beachtet, anerkannt und gebraucht zu werden. Es charakterisiert eine tiefe Unzufriedenheit mit den Beziehungen, die schon bestehen. In der Psychologie unterscheidet man seit den 1970er-Jahren zwei Arten von Einsamkeit: die soziale Einsamkeit, die einen Mangel an sozialer Integration erfasst, und die emotionale Einsamkeit, die den Mangel an festen Vertrauenspersonen abbildet.

Entscheidend dafür, ob Alleinsein als Einsamkeit empfunden wird, ist vor allem eines: Ob die Situation freiwillig gesucht oder ob sie von außen auferlegt wurde. Entscheidest du dich aus freien Stücken dafür, erlebst du Alleinsein als befreiend und wohltuend.

Mein Impuls

Wir brauchen regelmäßig Abstand zu unserem Alltag, um über unsere Werte und unser Leben nachzudenken, zu reflektieren, über die Richtungen, die wir eingeschlagen haben. Wir müssen immer wieder innehalten, um nicht vom Strom des Dringlichen und Alltäglichen mitgerissen zu werden.

Deshalb: Plane in deinen Alltag von Zeit zu Zeit Mini-Auszeiten ein, in denen du allein bist.

Such dir eine ruhige, für dich inspirierende Umgebung und achte bewusst auf deine Wahrnehmung. Was siehst du? Was hörst du? Was riechst du? Wie wirkt die Stille auf dich? Welche Gedanken hast du im Kopf? Was passiert mit deinem Atem?

Alleinsein + Stille: das ist eine starke Kombination.