Dinge wahrzunehmen ist der Keim der Intelligenz.

(Laotse, 4 v. Chr. – 531 v. Chr.)

Ich sitze auf dem roten, sandigen Boden und genieße dieses unbeschreibliche Glücksgefühl in vollen Zügen. Vor ein paar Minuten bin ich am Ayers Rock angekommen und habe damit mein großes Ziel erreicht. Noch Tage später schwebe ich auf Wolke sieben und bin in Gedanken immer wieder bei diesem Laufabenteuer in Australien. Ich lasse das Rennen noch einmal Revue passieren und erlebe dabei meine persönlichen Höhepunkte erneut: die Weite und Monotonie des Outbacks, die angenehme Wärme der Sonnenstrahlen am Morgen oder die Lagerfeuer und guten Gespräche mit meinen Freunden, das Abtauchen in die faszinierende Natur, die Stille und Abgeschiedenheit des Outbacks. Selbst Tage danach habe ich noch immer ein Gänsehautgefühl bei diesen Gedanken. Als besonderes Ritual hat sich eingebürgert, dass ich nach solch einem Abenteuer mit meiner Familie und meinen Eltern essen gehe. Ich gönne mir dann das eine oder andere Bier und freue mich im Kreise meiner Familie über meine Rückkehr. Die Tage nach dem Lauf lege ich meine Beine hoch und bin froh, nicht laufen zu müssen. Ich genieße die lauffreie Zeit, belohne mich mit ausreichend Entspannung und erfreue mich an meiner Leistung. Dieses Genießen und Feiern sind für mich genauso wichtig wie die Expedition selbst.

Was im Sport eine Selbstverständlichkeit ist, ist im Berufsleben eher die Ausnahme. Stell dir vor: Du hast soeben eine sensationell gute Präsentation abgeliefert, durch die dein Unternehmen einen lukrativen Auftrag an Land ziehen konnte. Du hast dafür hart gearbeitet, sehr viel Zeit und Energie in dieses Projekt investiert. Was ist danach passiert? Dein Chef und deine Kollegen sind gleich wieder zur Tagesordnung übergegangen? In der Wirtschaft finden in der Regel keine ausgefallene Jubelarien oder ausgiebige Feiern statt. Was im Sport gang und gäbe ist, müssen wir im Geschäftsleben häufig noch lernen. Dennoch hat das Feiern von Erfolgen in allen Lebensbereichen seine Berechtigung als Belohnung für die investierte Zeit, die disziplinierte Arbeit und die aufgewendete Energie. Wir müssen dabei keine ausgelassenen Orgien feiern, in denen der Alkohol nur so in Strömen fließt. Es geht vor allem um die Wahrnehmung des Erfolges, besonders von kleinen Erfolgen. Denn, wenn wir Erfolgserlebnisse haben und vor allem diese wahrnehmen, erfahren wir dadurch eine Wertschätzung gegenüber uns selbst und unserer Leistung. Das Problem ist doch, dass wir häufig auf ein großes Ziel, auf einen großen Moment hinarbeiten und dabei die vielen kleinen Erfolge auf dem Weg zum großen Ziel vielfach übersehen. Oder die kleinen Erfolge als Selbstverständlichkeit abwerten, nach dem Motto: „Das war ja gar nichts Besonderes, das kann ich noch viel besser. Warte nur ab, bis ich am Ziel bin.“

Die Kunst ist es, sich gerade an den unscheinbaren Kleinigkeiten des Alltags zu erfreuen und diese als Erfolge wahrzunehmen. Wenn ich zum Beispiel am Abend durch den Schwarzwald laufen, die eindrucksvolle Stille, das Zwitschern der Vögel, die reine, saubere Luft einatmen und den beeindruckenden Sonnenuntergang erleben darf. Das ist Erfolg. Wenn mich meine Tochter nach dem Aufwachen anlächelt und über beide Ohren stahlt als wäre Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen. Das ist Erfolg. Wenn ich einen begeisternden Vortrag halte und die Teilnehmer für sich wichtige Impulse mitnehmen, die ihr Leben verändern. Das ist Erfolg. Wenn ich einen Menschen zum Lachen bringe. Das ist Erfolg.

Mein Impuls

Erfolg ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Ein Prozess von Erlebnissen und Erfahrungen. Wenn du es schaffst, einen Großteil dieser Erlebnisse bewusst wahrzunehmen und auch zu genießen, dann bist du erfolgreich. Einverstanden? Deshalb: Feiere ruhig den Erfolg, wenn du dein Ziel erreicht hast. Genieße diesen Augenblick! Koste diesen Erfolg aus und gehe nicht gleich wieder zur Tagesordnung über. Freue dich darüber, was du geleistet hast. Du hast schließlich hart dafür gearbeitet. Doch genieße genauso die vielen, vielen kleinen Erfolge auf dem Weg zu deinem Ziel. Nimm diese ebenfalls bewusst wahr. Dadurch wirst du weiter motiviert und freust dich auf die nächste Herausforderung.

Wie feierst du einen Erfolg? Nimmst du deine Erfolge als Selbstverständlichkeit hin? Wie lange genießt du einen Erfolg, bevor du wieder weitermachst?

Um deine täglichen Erfolge besser wahrzunehmen, möchte ich dir eine einfache, aber sehr effektive Übung vorstellen. Diese wurde im Rahmen des Projektes „DemOS“ (Demenz, Organisation, Selbstpflege) in einer Pflegeeinrichtung durchgeführt. Während eines Zeitraums von zwei bis drei Wochen sollte die folgende Maßnahme täglich umgesetzt werden: Jeder Mitarbeiter steckte bei Dienstbeginn eine Handvoll Bohnen in die linke Tasche. Bei jeder „gelungenen“ Begegnung mit Bewohnern oder Angehörigen wanderte eine Bohne aus der linken in die rechte Tasche. Dabei nahm sich der Mitarbeiter einen Moment Zeit, um sich die Bohne anzusehen und sich dabei das „gute Gelingen“ oder die erfahrene Zufriedenheit zu vergegenwärtigen. In der Übergabe wurden dann die Erfolge des Tages gefeiert. Jeder Mitarbeiter nahm die eigenen Bohnen aus der rechten Tasche in die Hand. Dann wurden die Bohnen bis auf eine in ein sogenanntes „Bohnenwertglas für Erfolge“ geworfen. Die zurückbehaltene Bohne symbolisierte den persönlichen Glanzpunkt des Tages. Das mit der Bohne verbundene Erlebnis wurde den anderen geschildert und die Bohne wanderte ebenfalls in das „Bohnenwertglas“.