Dass sportliche Höchstleistungen wie mein 700 Kilometer-Lauf durch die Kavir Wüste im Iran mit körperlichem Training möglich sind, ist für viele verständlich. Doch unser Gehirn ist ebenso trainierbar. Der am besten trainierte Körper hilft dir nicht weiter, wenn du ihn nicht richtig einsetzen kannst. Trainieren kann fast jeder, aber seine Leistung im richtigen Augenblick zu erbringen, ist Kopfsache. Bei einem langen Wüstenlauf werden gut achtzig Prozent im Kopf entschieden. Je länger die Distanz, je unwägbarer die Expedition, umso wichtiger wird die mentale Stärke.

Die Fähigkeit, das gewünschte Ziel klar vor Augen zu führen, ist Vorstellungskraft

Für mich spielt das geistige Training beziehungsweise das Mentaltraining eine ungemein wichtige Rolle in meiner Vorbereitung. Besonders mit meiner Vorstellungskraft arbeite ich. Die Fähigkeit, das gewünschte Ziel klar vor Augen zu führen, ist Vorstellungskraft. Vorstellungskraft heißt: Du musst alles zweimal aufbauen. Zuerst in deinem Geist und dann, mit zeitlicher Verzögerung, in der Realität. Vor meiner Expedition im Iran habe ich mir Bilder von der Route, von den einzelnen Etappenabschnitten, von der Wüste und vor allem vom Zielort besorgt. Bilder sind der Rohstoff zum Trainieren unserer Vorstellungskraft. Ich habe ein tägliches Ritual entwickelt. Jeden Abend vor dem Einschlafen nehme ich mir immer ein paar Minuten Zeit und stelle mir meine Expedition in allen Einzelheiten vor. Ich male mir beispielsweise einzelne Streckenabschnitte aus. Oder ich denke an mögliche kritische Situationen, die ich mit Bravour meistere. Und ich stelle mir immer wieder vor, wie ich mit Freudentränen in den Augen in der Wüstenstadt Yazd ankomme. Ich nehme die Einsamkeit der Wüste in mir wahr, spüre dieses sagenhafte Kribbeln in meinem Körper, das vom Kopf bis zu den Fußspitzen reicht. Ich fühle die Gänsehaut, die mich auf den letzten Metern meines Zieleinlaufs begleitet. Auf meiner Zunge schmecke ich schon den Geschmack einer eisgekühlten Cola, die ich in Yazd genüsslich zu mir nehme. Diese Szenarien stelle ich mir wieder und immer wieder vor und benutze dabei alle meine fünf Sinne.

Unser Unterbewusstsein kann nicht zwischen Vorstellung und Realität unterscheiden

Ich mache also nichts anderes, als mein großes Ziel, meinen Wüstenlauf, zu visualisieren. Dabei entwickle ich mithilfe meiner Vorstellungskraft das Gefühl der Gewissheit, dass ich es schaffen werde. Ich lasse in meinem Kopf wiederholt das Bild ablaufen, wie ich diese Expedition erfolgreich beenden werde. Und schon jetzt, vier Wochen bevor ich loslaufe, verfüge ich über so viele positive Erfahrungen, dass ich mir meines Erfolgs sicher bin. Der entscheidende Punkt dabei ist: Unser Unterbewusstsein kann nicht zwischen Vorstellung und Realität unterscheiden. Eine bereits erlebte Erfahrung hat also den gleichen Stellenwert für unser Gehirn wie ein Erlebnis, dass ich mir sehr intensiv vorstelle, welches aber noch nicht eingetreten ist.

Du musst schon da sein, bevor du ankommst

Du musst schon da sein, bevor du ankommst. Daran glaube ich. Ich bin jetzt schon in der Kavir Wüste, lange, bevor ich es dann in ein paar Wochen in die Tat umsetzen werde. Unsere Fähigkeit zur Vorstellung ist die eigentliche Grenze im Leben. Was du dir vorstellen kannst, wirst du auch erreichen. Unsere Vorstellungskraft hat eine ungemein große Macht. Der Geist bestimmt über unseren Körper. Wenn mich jemand fragt, was bei einem Extremlauf über Erfolg oder Misserfolg bestimmt, dem antworte ich: der Kopf. Der Kopf ist stärker als unser Körper. Der Kopf gibt die Befehle an unseren Körper, der diese Befehle dann ausführt.

Der Ausgangspunkt, die Ursache, für alle großen Leistungen und Taten ist immer ein Gedanke aus deiner Vorstellungskraft. Die Vorstellungskraft befähigt dich, beliebige Gedanken zu entwickeln und so neue Ideen entstehen zu lassen. Mithilfe der Vorstellungskraft lässt sich ein gewünschter Zustand, ein Ziel, erreichen – zunächst nur im Kopf und dann in der Realität.

Viele Menschen scheitern, weil sie zum einen ihre Vorstellungskraft nicht bewusst einsetzen oder überhaupt nicht entwickelt haben. Der zweite Grund für das Scheitern ist, dass sie kein klares Ziel haben oder ihr Ziel gefühlsmäßig nicht annehmen können. Wenn du etwas gefühlsmäßig nicht annehmen kannst, gelangt es nicht in dein Unterbewusstsein, weil du an das Ziel nicht aus deinem tiefsten Inneren glaubst. Du kannst fast alles erreichen, wenn du es dir vorstellen und dich gefühlsmäßig darauf einlassen kannst.

 

Bild (Copyright Christian Frumolt)