Es ist nicht von Bedeutung, wie langsam du gehst, so lange du nicht stehen bleibst.

(Konfuzius, 551 bis 470 v. Chr.)

1.120 Kilometer durch das australische Outback, 265 Kilometer nonstop durch das Königreich Bhutan oder 600 Kilometer durch Feuerland. Wie schafft es der Bücher überhaupt, so weit und so lange zu laufen? Ist das ohne Doping machbar? Meine Antwort dazu: Ein ganz klares Ja!

Denn ich nehme keinerlei verbotene Substanzen zu mir. Das habe ich noch nie gemacht und das werde ich auch niemals tun. Denn ich wende eine ganz andere Art von leistungsfördernden Maßnahmen an: Nämlich das langsame Laufen. Ja, du hast richtig gehört. Ich laufe meistens in einem sehr verhaltenen Tempo. Das bedeutet den Kilometer in sechs bis sieben Minuten. Und das wiederum ermöglicht mir so lange Distanzen zu laufen.

Meine Devise lautet: Nicht die Strecke tötet, sondern das Tempo. Die Dosis ist bekanntlich das Gift. Nicht die Dimension eines Ziels stellt häufig das Problem dar, sondern die Geschwindigkeit, mit der wir uns darauf zubewegen. Je eiliger du Richtung Ziel unterwegs bist, desto mehr entfernst du dich in Wirklichkeit von ihm und von dir selbst. Wir müssen wieder lernen, mehr auf den Kompass zu schauen als immer nur auf die Uhr. Der Weg, die eingeschlagene Richtung ist bedeutsamer als die Geschwindigkeit.

Doch die heutige Tempogesellschaft schätzt Geschwindigkeit. Menschen, die unaufhörlich in Bewegung sind, erwecken den Eindruck, beschäftigt und damit wichtig zu sein. Äußere Zwänge, hektische Betriebsamkeit und übertriebenes Leistungsdenken lassen keine Zeit für eine langsamere Gangart. Die meisten Menschen sehnen sich nach mehr Muße und dennoch ist ihre Zeit vollgestopft mit Terminen und Verpflichtungen. Kann ein etwas langsameres und entspannteres Tempo häufig nicht zielführender sein? Müssen es immer und überall die 100 Prozent sein?

Ein für mich bis heute sehr einprägsames Erlebnis in Bezug auf das Lebenstempo und die Lebenseinstellung hatte ich während meiner Reise durch das Königreich Bhutan im Himalaya. Dort lernte ich Tshering Dorji kennen, mit dem mich bis heute eine enge Freundschaft verbindet. Tshering ist Ende dreißig, ein sportlicher, warmherziger und lebensfroher Mensch. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern etwas außerhalb der Hauptstadt Paro in einem wunderschönen Tal. Tshering ist Gründer und Inhaber von Bhutan Scenic Tours, einem Reiseunternehmen, das sich insbesondere auf die Durchführung von Outdoor-Aktivitäten in Bhutan spezialisiert hat. Er und sein Team begleiteten mich bei meiner Expedition „Abenteuer Donnerdrache“, einem 265 Kilometer Nonstop-Lauf quer durch Bhutan. Wir verstanden uns sofort, seine ruhige und besonnene Art waren mir auf Anhieb sympathisch. Wir redeten über Gott und die Welt. Er erzählte mir stolz von seinen beiden Kindern, seinem Land und seinen sportlichen Aktivitäten. Er lud mich zu sich nach Hause ein, ich durfte seine reizende Familie kennenlernen. Als wir bei einer Tasse Tee zusammen saßen, kamen wir auch auf sein Unternehmen zu sprechen. Tshering berichtete mir mit seiner ruhigen Stimme: „Geschäftlich läuft es richtig gut. Das Land öffnet sich immer mehr dem Tourismus und wir können uns vor Anfragen nicht mehr retten. Ehrlich gesagt, sind es viel zu viele für mich und mein Team.“ „Das ist doch eine wunderbare Situation“, gab ich zurück. „Dann kannst du ja expandieren, deinen Geschäftsbetrieb ausbauen, wachsen und mehr Geld verdienen“, schlug ich ihm vor. Daraufhin sagte er etwas nachdenklich einen Satz, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist: „Wir wollen gar nicht weiter wachsen und uns vergrößern. Mein Team und ich sind mit dem aktuellen Zustand sehr zufrieden. Wir genießen es, Zeit mit unseren Familien zu verbringen, in den Bergen spazieren zu gehen, viel Sport zu treiben, uns an der Natur zu erfreuen und das Leben zu genießen.“ Diese Worte habe ich heute noch im Ohr. Daran denke ich oft zurück. Was ich von Tshering und den Menschen in Bhutan erfahren durfte, waren die Zufriedenheit, Besonnenheit und Gelassenheit, die sie mit jeder Faser ihres Körpers ausstrahlten und die ich in ihren Gesichtern ablesen konnte. Von hektischer Betriebsamkeit und permanentem Beschäftigtsein, wie wir es in der westlichen Welt kennen, überhaupt keine Spur.

Können wir uns in der westlichen Welt nicht eine Scheibe davon abschneiden? Was passiert denn, wenn wir langsamer durch unseren Alltag gehen oder die Intensität einer Aktivität reduzieren? Wir sind entspannter und gelassener, richtig? Wenn du weit unter deinem Leistungsniveau joggen gehst, wirst du kaum mit hochrotem Kopf und schmerzverzerrtem Gesicht durch die Gegend laufen. Wenn du mit 240 Kilometern in der Stunde über die Autobahn heizt, dann sind dabei wohl nur die wenigsten von uns entspannt und können die Umgebung bewusst wahrnehmen. Wir können uns entspannen, wenn wir unsere Geschwindigkeit im Alltag etwas reduzieren.

Hast du schon einmal eine Meditations- oder Entspannungs-CD gehört? Wie wird dort gesprochen? Richtig, langsam. Manchmal ein etwas langsameres Grundtempo einzulegen, bedeutet nämlich nicht automatisch auch eine verringerte Produktivität oder ein schlechteres Arbeitsergebnis. Das Gegenteil ist häufig der Fall. Denn du agierst ja schließlich aus einem entspannteren Zustand heraus. Und in welchem Zustand wir uns befinden, entscheidet ganz wesentlich darüber, wie wir uns fühlen und wie wir handeln. Sind wir gestresst und schlecht gelaunt, können wir wohl kaum Höchstleistungen vollbringen. Aus einem entspannten, gelassenen Zustand heraus können wir dagegen wahrhafte Wunder bewirken. Und das hat wiederum mit der Geschwindigkeit zu tun, mit der wir uns bewegen.

Man kann mit Hilfe eines sogenannten Elektronenzephalogramms den Rhythmus der Hirnströme und damit den gegenwärtigen Zustand eines Menschen messen. Der Zustand, in dem wir geistig wach, aber völlig entspannt sind, wird als sogenannter Alpha-Zustand bezeichnet. Ihn gilt es anzustreben. Denn im Alpha-Zustand sind wir in der Lage, Probleme zu lösen, Ideen zu entwickeln, produktiv zu arbeiten und unsere Potenziale effektiv zu nutzen. Nur wenn wir entspannt sind, sind wir auch imstande, Höchstleistungen zu vollbringen und an unsere Grenzen zu gehen.

Mein Impuls

Nicht die Strecke tötet, sondern das Tempo. Nicht die Dimension eines Ziels stellt häufig das Problem dar, sondern die Geschwindigkeit, mit der wir uns darauf zubewegen. Schalte mit zielgerichtetem Nichtstun ab und an in eine gelassene Gangart um. Das Schlüsselwort lautet dabei Muße, was zielgerichtetes Nichtstun bedeutet. Muße hat nichts mit Faulheit, Trägheit, Passivität oder Arbeitsverweigerung zu tun. Im Gegenteil: Mußestunden erhalten die Gesundheit und fördern die Kreativität.

 

Hast du Mut zur Muße?

Du selbst entscheidest, in welchem Tempo du leben möchtest. Frage dich:

  • Wie hoch ist dein Lebenstempo? Wie schnell bewegst du dich durchs Leben?
  • Kennst du dein persönliches Wohlfühltempo?
  • Kannst du auch einmal nichts zu tun?
  • Wie viel Zeit verbringst du mit Mußestunden?
  • Kannst du auf dem Sofa liegen und eine Stunde nichts tun, träumen und den Wolken zuzuschauen?
  • Kannst du in den Tag hinein leben?
  • Schaffst du es, einfach nur die Zeit zu vertrödeln – einen ganzen Tag lang?