Freudestrahlend schaue ich hoch an den wolkenfreien Himmel, an dem die Sonne wie eine Königin thront. Dabei macht sich eine Gänsehaut auf meinem ganzen Körper breit. Es prickelt in mir vom Kopf bis zur Fußspitze. Ich bin völlig losgelöst von allem. Bin ganz bei mir angekommen. Bin einfach nur da. Meine Beine, meine Arme, meine Füße, mein Kopf – alles fühlt sich ganz leicht an. Eine grenzenlose Weite umgibt mich. Ich genieße die Ruhe. Eine Stille, wie ich sie lange nicht mehr erleben durfte. Wohin ich auch schaue. Nichts. Nichts – außer Wüste. Ich befinde mich mitten in der größten Sandwüste der Erde, sitze auf einer Sanddüne, blicke über eine majestätische Landschaft und bin völlig im Hier und Jetzt. Genauer gesagt bin ich in der Rub al Khali im Sultanat Oman. Die Wüste, auch das „Leere Viertel“ genannt, bietet pure Einsamkeit, wunderschöne Dünen und einen prächtig funkelnden Sternenhimmel. Die Rub al Khali gehört bis heute zu den unzugänglichsten Gebieten unserer Erde. Sie stellt gleichzeitig einen inspirierenden Raum dar, der anregt, über seine Träume, Lebensziele, Visionen und den persönlichen Lebenssinn nachzudenken.

Während ich diese Zeilen in meinem Büro in Waldbronn schreibe, huscht mir ein Lächeln über den Mund. Fast ein ganzer Monat liegt nun schon zwischen heute und dem Abflug in den Oman. Genügend Abstand, um diese Reise ein wenig Revue passieren zu lassen.

Am 3. November 2017 startete diese für mich ganz besondere Reise. Eine Premiere. Mein allererstes Expeditionsseminar (so habe ich diese Reise getauft) stand an. Seit vielen Jahren habe ich bereits über diese Art der Reise nachgedacht. Eine Mischung aus Abenteuerreise mit Seminarinhalten. Eine Kombination aus Outdoor und Workshops. Jetzt habe ich dieses Ziel in die Tat umgesetzt.

„Dieses Expeditionsseminar ist mehr als nur ein Abenteuer. Es ist eine Reise, ein Weg zu dir selbst.“ Diese Worte stammten aus der Broschüre, mit der ich auf meiner Website für diese Reise warb. In den vergangenen zehn Jahren habe ich zahlreiche Wüsten bereisen und durchqueren dürfen. Komplett alleine und im Team. Beispielsweise bin ich durch die Wüste Gobi in der Mongolei, die Kalahari in Südafrika, die Atacama Wüste in Chile, die Great Victoria Desert in Australien oder durch die Kavir Wüste im Iran gelaufen. Die eindrucksvolle Stille, die vollkommene Abgeschiedenheit und die unendliche Weite faszinieren mich jedes Mal aufs Neue. Daher war für mich klar: meine erste Seminarreise geht in die Wüste.

Selbst nach vier Wochen zeitlichem Abstand ist es schwer, das Erlebte in Worte zu kleiden. Ich habe vielfältige, horizonterweiternde Eindrücke durch diese Expedition gewonnen. In den ersten beiden Tagen der Reise waren wir alle – die Crew, die fünf Teilnehmer und ich als Workshopleiter – noch sehr in unserem Alltag gefangen. Bevor es in die Wüste ging, verbrachten wir noch eine letzte Nacht in einem luxuriösen Hotel in Salalah, der zweitgrößten Stadt Omans. Emails checken, Telefonate führen, Geschäfte regeln stand bei vielen noch auf dem Programm. Doch nur zwei Tage später – in der Wüste angekommen – verloren diese Dinge für uns alle an Wichtigkeit. Wir genossen es, uns voll und ganz auf die Wüste einzulassen. Keine Störungen. Keine Ablenkungen. Kein Lärm. Keine anderen Menschen. Keine Autos. Keine Geräusche. Nur wir und die unglaubliche Weite der Wüste. Besonders die Gespräche und Workshops mit den Teilnehmern empfand ich als absolute Bereicherung. Wie manche Teilnehmer ihr Herzblut, ihre Leidenschaften, ihre Lebensphilosophie in den Workshops am Nachmittag offenbarten und diese mit den anderen teilten. Tiefgründige und gewinnbringende Gespräche rundeten die Tage in der Wüste ab. Was ist der Sinn des Lebens? Auf welche Weise lässt sich eine Vision in ein Unternehmen tragen? Was ist wirklich wichtig im Leben?

Ein Highlight für uns alle waren die grandiosen Natureindrücke. Allein die Dimensionen der Sanddünen: teilweise 100 bis 200 Meter hoch. G-I-G-A-N-T-I-S-C-H! Das raubt dir den Atem in Anbetracht dieser Schönheit der Natur. Die Formen und Farben der Dünen schienen wie gemalt. Dazu die verschiedenen Farbfacetten des Sands: von gold über rotbraun bis zu blaugrau. Ein faszinierender Anblick. Und dann diese unendliche Weite. Du kommst dir als Mensch in dieser endlos erscheinenden Wüstenlandschaft wie ein absoluter Winzling vor. Wie klein und unbedeutend du bist, kommt es mir in diesen Tagen in der Wüste immer wieder in den Sinn. Ein Pups im Universum. Die Tage in der Rub al Khali erdeten die Teilnehmer und mich ungemein und rückten unseren Blick wieder in die richtige Perspektive.

Ein weiterer Höhepunkt war es, jeden Nachmittag unser Zelt inmitten dieser sagenhaften Kulisse aufschlagen zu dürfen. Einfach nur da zu sein, in der Wüste zu sitzen, die Umgebung bewusst wahrzunehmen und jedes Detail in sich aufzusaugen. Die wechselnden Farbnuancen am Himmel oder den beeindruckenden Sternenhimmel. Es stellte für uns ein großes Stück Freiheit dar, hier in einer der entlegendsten Landschaften der Erde sein zu dürfen. Kein Geld der Welt können solche Momente ersetzen. Das köstliche Abendessen, liebevoll von der omanischen Crew zubereitet, schmeckte wie ein Fünf-Gänge-Menü in einem Nobelrestaurant. Genau diese Einfachheit empfanden wir als absolutes Privileg. Mit einem zufriedenen Lächeln legte ich mich jeden Abend in meinen Schlafsack in dem Bewusstsein, im schönsten Bett der Welt nächtigen zu dürfen: unter freiem Himmel, von unzähligen Sternen umringt.

Zehn Tage später. Wir sind mittlerweile wieder in Deutschland. Unsere sandigen Wüsten-Wanderstiefel haben wir wieder gegen normale Straßenschuhe eingetauscht. Der massar und die dishdasha – die traditionelle Bekleidung der Omanis – wurde durch warme Pullover und dicke Daunenjacken ersetzt. Auf die Stille und Weite der Wüste sind wieder die Geschäftigkeit und der Lärm der westlichen Welt gerückt. Was bleibt ist zum einen die Erinnerung. Und zum anderen die Erkenntnis, ein Stück weiter seines Weges der persönlichen Lebensreise gegangen zu sein.