LIVE YOUR ADVENTURE – 40 faszinierende Ultratrails, so lautet der Titel meines neuen Buchs. Die 40 darin beschriebenen Ultratrails dienen als Anregung, Orientierung und Impuls. LIVE YOUR ADVENTURE ist eine Aufforderung, raus zu gehen, die Laufschuhe zu schnüren und die Natur zu Fuß zu erkunden.

Ein weiterer, wesentlicher Bestandteil des Buches sind die acht Experten-Interviews. Gespräche mit Persönlichkeiten aus ganz unterschiedlichen Bereichen des Trailrunnings, die auf ihrem Gebiet eine enorm hohe Kompetenz aufweisen und ihr Wissen und ihre Erfahrungen in diesem Buch mit uns teilen. Einer davon ist Rafael Fuchsgruber, einer der besten Wüstenläufer im deutschsprachigen Raum. Mit ihm habe ich über Wüstenläufe, die Motivation dafür, über Rückschläge und den Sinn des Lebens gesprochen. Einen Auszug des Interviews findet ihr heute in diesem Blog.

Rafael, Du hast eine bemerkenswerte und sehr interessante Vita. Bis zum Jahr 2002, bis zu Deinem 41. Lebensjahr hast Du gar keinen Sport betrieben, hast viel gefeiert und als DJ das Party-Leben in vollen Zügen genossen. Wie bist Du zum Laufen und zu den langen Wüstenläufen gekommen? Was war der entscheidende Impuls?

Der Entschluss die Laufschuhe nach über 20 Jahren Sportabstinenz auszupacken, kam auf der Pritsche im Krankenhaus. Ich war Anfang 40 und lag mit Verdacht auf Herzinfarkt vor dem Internisten. Höchste Eisenbahn, wie man so sagt. Ich war Alkoholiker, lebte den totalen Stress und hatte mir durch einen verschleppten Virus eine Herzmuskelentzündung eingefangen. Der Klassiker. Es dauerte eine knappe halbe Stunde, in der wir noch vom Infarkt ausgingen und ich den Entschluss fasste etwas zu ändern. Es kam das Laufen, der Alkoholentzug, und einige Jahre später sah ich das erste Mal die Fotos aus der Sahara vom Marathon des Sables in einem Laufmagazin. Es war um mich geschehen – der Moment, in dem ich mich verliebt habe. Eine strukturierte Erklärung konnte ich damals nicht geben. Manchmal braucht es das auch nicht.

 

Sieger beim Desert Ultra in Namibia, 2. Platz beim Jordan Race, 2. Platz beim Ultra Africa Race in Kamerun – Du bist ein erfolgreicher und vor allem schneller Läufer. Was ist Deine Motivation, bei den langen Wüstenläufen nicht nur dabei zu sein, sondern diese auch gewinnen zu wollen? Was ist Dein Antrieb?

Ich kann nicht anders: Wenn große Aufgaben vor mir stehen, bereite ich mich gut vor. Was essentiell wichtig ist im Job und genauso hilfreich in der Wüste. Ich bin seit 30 Jahren Konzertveranstalter und Künstlermanager. Wenn wir Ed Sheeran als Special Event auf der Zugspitze veranstalten, fange ich auch nicht am Mittwoch mit der Vorbereitung an, wenn freitags die Show auf dem Gipfel ist. So ist es bei den Rennen auch – in der Wüste geht dann aber Gott sei Dank genug schief, damit es nicht langweilig wird. Einen guten Job zu machen, ist mein Thema; zu gewinnen…das hab ich nicht in der Hand. In Namibia habe ich 2013 das Desert Ultra Rennen über 250 km gewonnen. Das gleiche Format habe ich in Jordanien ein Jahr zuvor auf Platz 2 beendet. Trotzdem war Jordanien für mich viel näher an der Vorstellung von „meinem“ perfekten Lauf als die Nr. 1 in der Wüste Namib. Die Wahrnehmung dazu ist sehr subjektiv. Dass andere Läufer schneller sind als ich hat mir noch nie ein Problem gemacht. Heute mit 54 Jahren erst recht nicht. Wenn ich aber in meinem Rennen Schrott abliefere, kann ich sehr ungehalten mit mir werden. Für mich sind diese Läufe Abenteuerspielplätze und ich werde wieder zum Kind. Aber grundsätzlich gilt: Jungs wollen beim Laufen gerne vorne sein.

 

Du bist nicht nur ein erfolgreicher Läufer, sondern auch Buchautor. „Running wild – Vom Partykönig zum Extremläufer“ lautet der Titel Deines Buchs. Welche Erkenntnisse darf sich der Leser vom Buch erwarten? Welche Botschaft willst Du vermitteln?

Die Idee einer Botschaft gab es nie. Ich weiß nur noch ganz genau, dass ich beim Schreiben große Sorge hatte meine Erzählungen könnten überheblich oder arrogant rüberkommen. Unter dem Motto: Noch ein Sportler, der der Welt erzählen muss, dass er irgendwo auf der Welt ein Rennen gewonnen hat. Braucht kein Mensch. Aus der Kategorie stehen einige Bücher hier im Regal. Ich habe einfach versucht, mein Leben zu erzählen und von meinen Läufen zu berichten. An einigen Punkten musste ich überlegen, wie viel Privates ich freigeben will. Ich habe aber aus meinem Alkoholproblem, den Übergriffen durch meinen Vater in der Kindheit oder anderen Themen nie ein Geheimnis gemacht, und somit war dieser Schritt emotional vollkommen unemotional. Es war nur die Überlegung, inwieweit dies unsere kleine Tochter Mara betreffen könnte am Beispiel von Kindern untereinander: „Dein Papa war ja Alkoholiker. Bäh Bäh Bähä.“ Tut es aber nicht, wie sich unsere Vermutung nun bestätigt. Ich habe „Running wild“ letztes Jahr geschrieben, wie es mir in den Kram passte und hatte vollkommen freie Hand. Nach Veröffentlichung haben sich ein paar Dinge für mich sehr überraschend geändert. Das Buch wurde ein großer Erfolg. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es war jetzt aber nicht sonderlich schwer, mit dieser Wendung umzugehen. Unerwartet war die Reaktion von vielen Menschen, denen das Buch ein wichtiger Begleiter geworden ist. Selbstredend viele Sportler. Ebenfalls nahe liegend, dass es Alkoholiker gibt – trocken oder noch nicht – die mit mir Kontakt aufgenommen haben. Aber auch Menschen mit schwerwiegenden emotionalen Problemen, die mich von ihrer stationären Behandlung aus angeschrieben haben. Es ist sehr schön mitzubekommen, dass das Buch irgendwas macht. Darunter einiges Gutes, wie es scheint. Hier muss man aber genau unterscheiden zwischen dem Buch und dem Mensch Fuchsgruber. Ein sensibles Unterfangen. Ich kann nur schwerlich oder gar nicht für andere Ratgeber sein. Ich habe nur mein Leben aufgeschrieben. Weder habe ich die Qualifikation zur Beratung, noch lässt sich aus der Ferne auf sehr persönliche emotionale Themen eingehen. Auf der anderen Seite kann ich die Mails, in denen Menschen ihr Herz öffnen nicht einfach beantworten mit: „Danke für die freundlichen Worte zum Buch und alles Gute.“ Ich versuch mein Bestes und freue ich mich weiterhin über jedes Feedback und reagiere auch.

 

Scheitern, Rückschläge und Krisen sind ohne Frage Bestandteile unseres Lebens. Ob im privaten, beruflichen oder sportlichen Bereich. Darauf gehst Du auch sehr ausführlich in Deinem Buch ein. Was war Deine größte Krise und wie hast Du sie bewältigt?

Mein Alkoholproblem und die damit einhergehenden Depressionen zu verabschieden, war einer der Meilensteine. Neben unserer Tochter die größte Aufgabe in meinem Leben.

 

Deine Spezialdisziplin sind Mehrtagesläufe durch Wüsten. Eine Herausforderung dabei sind sicherlich die relativ kurzen Regenerationszeiten zwischen den einzelnen Etappen. Wie stellst Du es an, jeden Morgen wieder fit an den Start zu gehen?

Da ich keinen „9 to 5“ Job habe, ist mein Umgang mit aufregenden Situationen oder dem so genannten Stress relativ entspannt. Jede große Show bedeutet für einige Tage den totalen Stress. Es handelt sich also um gelerntes Verhalten, wenn ich mit vielen Menschen zusammenarbeite, die ich nicht kenne. Jeden Tag etwas Neues passiert und dies alles an Orten, die sich ständig ändern. Ähnliches erlebe ich bei den Rennen – egal wo in der Welt. Weitaus wichtiger ist allerdings, dass ich diese Etappenläufe heiß und innig liebe. Diese Form hat zu einem Nonstoprennen den großen Unterschied, dass du in der Regel eine Woche in dieser Landschaft lebst. So viel Zeit braucht es auch, damit sich Mensch und Wüste näher kommen können. Ansonsten mache ich nichts Spezielles. Ich regeneriere sehr schnell für mein Alter, was laut Doc und Physio stark mit meiner „geschmeidigen“ Muskulatur zusammenhängt. Yoga und geringer Muskeltonus sind da sehr hilfreich.

 

Welche Qualitäten benötigt ein Läufer, der an einem 250-Kilometer-Etappenrennen durch eine Wüste teilnehmen will?

Du musst totale Lust haben diese Rennen zu starten. Wenn dich dein bester Freund nachts um drei Uhr weckt, weil er nicht schlafen kann und du seine Idee jetzt vier Stunden laufen zu gehen, gut findest….dann bist du der oder die Richtige. Ansonsten: Freigabe vom Arzt, ein bisschen laufen sollte man auch können. Ich habe Läufer/innen erlebt, die diese Rennen erfolgreich gefinished haben, ohne jemals bei einem Marathon gestartet zu sein.

 

Du bist zweifacher Familienvater, erfolgreicher Unternehmer und als Konzert- und Eventveranstalter sehr viel unterwegs. Wie schaffst Du es, Deine Leidenschaft fürs Laufen mit Deinem Alltags- und Berufsleben in Einklang zu bringen?

Es braucht gute Strukturen und die üblichen Maßnahmen, wie wir sie alle kennen. Trainieren, wenn andere im sozialen Netzwerk gefangen sind, in die Kneipe gehen oder schlafen. Also um 4.33 morgens oder immer wenn es gerade in den Tagesablauf passt. Als Selbstständiger klappt das manchmal auch tagsüber.

 

Was ist Dein persönliches Lieblingsrennen und warum?

Ich mag die Rennen der 4 deserts Serie sehr gern, da sie vier oder fünfmal pro Jahr in den verschiedensten aufregenden Landschaften dieser Erde stattfinden und von der Durchführung und Betreuung auf sehr hohem Niveau sind. Ansonsten immer das nächste – immer! Warum: weil ich es noch nicht kenne.

 

Mehr dazu in meinem Buch „LIVE YOUR ADVENTURE – 40 faszinierende Ultratrails“. Erhältlich unter http://www.norman-buecher.de/

Mehr zu Rafael Fuchsgruber unter https://rfuchsgruber.wordpress.com/