Immer wieder höre ich die Stimme in mir, die sagt: „Tu es! Du musst es tun!“ Die Stimme fordert mich auf, etwas vollkommen Verrücktes und Nutzloses zu tun. Aber ich weiß, dass ich es tun muss. Und ich weiß ebenfalls: Wenn ich es nicht tue, wird ein kleiner Teil von mir für immer tot sein. So ging es mir, als ich über meine läuferische Durchquerung Feuerlands im Süden Patagoniens sinnierte. 600 Kilometer in zwölf Tagen durch die wilde und raue Landschaft Feuerlands zu laufen, klingt für die meisten Menschen etwas abgedreht. Vor allem vor dem Hintergrund, dass ich bei dieser Expedition kein großes Team um mich hatte, das mir Sicherheit und Unterstützung gab. Die einzige Sicherheit war mein Babyjogger, in dem sich mein gesamtes Equipment befand. Die Stimme in meinem Kopf wurde, ungeachtet der objektiven Risiken bei diesem Projekt, immer eindringlicher, immer intensiver. „Tu es! Tu es! Tu es!“

Was häufig im Stillen tobt, ist ein Kampf zwischen Ratio und Emotion – zwischen Herz und Hirn. Dein Kopf glaubt zu wissen, was gut für dich ist, und macht dir konkrete Vorschriften. Dein Herz weiß es tatsächlich, aber es kann sich nur mit Gefühlen äußern. Doch diese sind schnell vom Kopf überstimmt. „Sei vernünftig, spinn doch nicht rum, das ist unrealistisch, das macht man nicht…“.

Viele Kopfentscheidungen überstimmen das Herz. Doch was ist wichtiger: Herz oder Vernunft? Einer der wichtigsten Frage, die du dir stellen solltest, um deiner inneren Stimme zu folgen, lautet: Was will ich wirklich? Die Betonung liegt dabei auf wirklich. „Was will ich?“ greift zu kurz, ist zu oberflächlich. „Was will ich wirklich?“ dringt tief ins Bewusstsein und aktiviert dein Unterbewusstsein. Diese Frage stelle ich mir täglich.

Ich halte leidenschaftlich gern Vorträge in Schulen. Danach werde ich regelmäßig von Schülern gefragt: „Wie könnte denn ein richtiger Weg für mich und mein zukünftiges Berufsleben aussehen?“ Darauf antworte ich dann gewöhnlich: „Es ist völlig egal, was du machst. Wichtig ist nur, dass du es mit ganzem Herzen machst. Hör auf dein Herz und finde etwas, dass dich begeistert. Und dann mach es. Denn was dich begeistert, das machst du gerne. Und was du gerne machst, darin bist du auch gut.“

Was ich sportlich tue, tue ich mit ganzer Leidenschaft. Für keine andere Disziplin ist so viel Training notwendig wie für eine Ausdauersportart. Mit Extremsport kannst du in der Regel nicht reich werden. Warum ich trotzdem jedes Jahr hunderte und tausende von Kilometern laufe? Weil es mir Spaß macht. Weil ich es liebe, mich stundenlang draußen an der frischen Luft betätigen zu dürfen. Weil es für mich meine ganz große Leidenschaft ist. Diese Leidenschaft, von der ich spreche, bezeichne ich auch gerne als positive Besessenheit. Wobei das Wort Besessenheit für viele Menschen negativ besetzt ist. Oder was assoziierst du mit Besessenheit? Besessenheit verleiht der Leidenschaft, die ich meine, die entsprechende Würze und Kontur. Bei Besessenheit geht es mir um mehr, als eine Sache „nur“ gerne zu tun. Wenn ich an nichts anderes mehr denken kann, als an diese eine Sache. Wenn ich abends nicht schlafen gehen will und ich es morgens gar nicht abwarten kann, mit dem, was im Zentrum meiner Leidenschaft steht, zu beginnen. Dann spreche ich von Besessenheit. Das hat für viele mit Abhängigkeit oder Sucht zu tun. Die Grenzen sind dabei zugegebenermaßen fließend. Für mich ist die Leidenschaft oder Besessenheit eine Art innerer Antrieb, der mir immer wieder die Kraft gibt, mich auf Neues einzulassen und das Abenteuer zu suchen. Leidenschaft stellt für mich eine riesige Energiequelle dar, aus der ich mich ständig bedienen kann. Auch bei meinem Projekt „Run to the Rock“, bei dem ich im Jahr 2012 quer durch das australische Outback lief, hätte ich all die Strapazen, die Zeit und Energie, die ich in das Abenteuer investierte, ohne diese Besessenheit nicht auf mich genommen.

Doch um leidenschaftlich zu leben, musst du bei Weitem kein Sportler oder gar Extremsportler sein. Es ist doch völlig egal, für was wir uns begeistern: Geld, Familie, Briefmarken, Modelleisenbahn, Sex, Medizin, ein berufliches Projekt. Ein guter Freund von mir ist beispielsweise leidenschaftlicher Steuerberater. Es ist für mich schwer nachzuvollziehen, wie man sich mit diesem Thema lange und intensiv beschäftigen, geschweige denn dafür begeistern kann. Doch er brennt dafür und freut sich jedes Mal wie ein kleines Kind, wenn er mich in Steuerangelegenheiten beraten darf. Das Wichtigste ist, dass wir uns für etwas begeistern. Denn: Wenn wir begeistert sind, vergessen wir die Zeit um uns herum und leben wahnsinnig intensiv. Genau darum geht es mir! Für mich zählt ein kurzes, dafür aber sehr leidenschaftliches und intensives Leben viel mehr als ein langes ereignisloses Dahinvegetieren.

Über was werden wir uns am Ende unseres Lebens wohl mehr ärgern? Über die Dinge, die uns misslungen sind? Oder über die Dinge, die wir erst gar nicht gewagt haben? Für mich wäre es das Schlimmste, mir später im hohen Alter vorwerfen zu müssen, dass ich etwas damals nicht gewagt habe. Dass ich es nicht zumindest einmal probiert habe. Ich stelle mir auch immer wieder folgende Frage, die für viele Menschen schon ein wenig makaber klingt: Was würdest du machen, wenn du nur noch ein Jahr zu leben hättest? Hast du dich mit dieser Frage schon einmal beschäftigt? Um dieses Thema geht es in einem meiner Lieblingsfilme: „Das Beste kommt zum Schluss“ mit Morgan Freeman und Jack Nicholson. Der Film handelt von zwei Tumorkranken, denen nur noch eine Lebenszeit von ein paar Monaten prognostiziert wird. Statt sich mit ihrem Schicksal abzufinden, bereisen die beiden auf ihre alten Tage die Welt und erfüllen sich damit ihren Lebenstraum. Sie schauen sich die Pyramiden von Gizeh in Ägypten an, machen einen Fallschirmsprung oder reisen in den Himalaya. Sie haben ja schließlich nichts mehr zu verlieren.

Was würdest du tun, wenn du in deinem Leben nichts mehr zu verlieren hättest?

Die große Herausforderung in der Beantwortung dieser Frage liegt in meinen Augen darin, ein Gefühl für unsere Herzensangelegenheiten zu bekommen. Wir hören nur noch selten auf unser Herz, weil uns der Verstand ständig dazwischenredet. Vernunft kommt häufig vor dem Herzen. Wie riskant ist es, nicht seinem eigenen Herzen zu folgen? Auch ich habe mich zunächst für den vernünftigen und sicheren Weg entschieden und angefangen als Unternehmensberater zu arbeiten. Obwohl mein Herz für etwas ganz anderes schlug. Heute verdiene ich meine Brötchen als Extremläufer und Vortragsredner. Ein Beruf, den du beim Arbeitsamt nicht findest und der wohl in keiner Berufsberatung vorgeschlagen wird. Rein rational hatte zunächst wenig für die Selbstständigkeit als Sportler und Redner gesprochen. Doch bei meiner Entscheidung konzentrierte ich mich weniger auf die rationalen Aspekte wie mögliche Schwierigkeiten, die hohen Kosten und die vielen Probleme, die mein Schritt in die Selbstständigkeit mit sich bringen könnte, sondern vielmehr auf die Chancen und vor allem auf mein Herz. Als Unternehmensberater tätig zu sein, war eine vernünftige Entscheidung, doch der Bauch, das Herz, haben sich dann für den unsicheren Weg des Extremsportlers entschieden.

Heute kann ich sagen: Gut, dass ich auf mein Herz gehört habe! Um auf unser Herz hören zu können, ist ein wenig Abstand von der Hektik und der Routine des Alltags notwendig. Darin liegt schon die nächste Herausforderung für viele Menschen: Sie haben ja gar keine Zeit für eine kleine Auszeit. Die besten Entscheidungen in meinem Leben waren jene, die ich aus dem tiefsten Inneren meines Herzens getroffen habe. Die besten Entscheidungen folgten meiner Leidenschaft. Die besten Entscheidungen waren gleichzeitig meistens auch die verrücktesten und ungewöhnlichsten und haben mich nachhaltig ungemein geprägt: Mich als Extremsportler und Redner selbstständig zu machen und dabei meinen sicheren und gutbezahlten Job als Unternehmensberater aufzugeben. Oder 600 Kilometer durch die Atacamawüste in Chile zu laufen. Oder allein, ohne konkreten Plan für ein Jahr nach Australien zu gehen. Oder mit Anfang zwanzig ein paar Monate in Kanada zu arbeiten.

Wenn ich heute auf mein bisheriges Leben zurückblicke, dann sind es genau diese Entscheidungen, diese verrückten und außergewöhnlichen Erfahrungen gewesen, die mein Leben bereichert haben. Nicht mein Diplom, meine bestandenen Prüfungen oder meine Tage im Büro als Berater stellten die Höhepunkte dar, sondern genau solche Momente, in denen ich meiner Leidenschaft gefolgt bin. Ob wir etwas aus unserem Leben machen, hängt stark davon ab, ob wir leidenschaftlich leben. Unser Lebensglück hängt davon ab, ob wir unsere Träume leben, uns passende Ziele stecken und den Mut haben, das Abenteuer zu suchen. Doch das Wichtigste dabei ist die Leidenschaft. Ein Leben, das dem Herzen folgt, statt einem Lehr- oder Karriereplan. Ein Leben mit eigenen Zielen statt einem Klassenziel. Ein Leben im Hier und Jetzt statt auf die Rente zu warten. Das ist Leidenschaft.