Angst ist für die Seele ebenso gesund wie ein Bad für den Körper.

(Maksim Gorki, 1868–1936)

Angst – ein Thema, über das viel zu wenig gesprochen wird. Denn Angst ist negativ, schlecht, kontraproduktiv. Doch stimmt das? Machen wir uns doch einmal bewusst, was Angst bedeutet: Angst ist nichts anderes als eine Emotion. Es ist eine Stimmung, die unangenehm ist, weil sie zu Anspannung, Besorgnis und starken körperlichen Reaktionen führt.

Ich suche mir sportliche Herausforderungen, bei denen ich beim ersten Gedanken daran spüre, wie mein Puls rast, wie die Unruhe in meinem Inneren aufflammt und sich mein gesamtes Wesen auf einen winzig kleinen Ausschnitt eines Augenblicks verdichtet.

Wie beispielsweise in der Wildnis Patagoniens im Rahmen meines Projektes „FIRE & ICE“, bei dem ich ein Gefühl des Ausgesetztseins erlebte und die Macht gewaltiger Naturkräfte spüren konnte. Bei daumengroßen Hagelkörnern und Windgeschwindigkeiten um die 90 Kilometer pro Stunde fühlte ich ganz intensiv das Blut durch meine Adern rasen. Doch ich suche nicht einfach so das Risiko. Ich suche das intensive Leben. Es gibt in meinem Leben fast nichts Aufregenderes, als ein Abenteuer einzugehen, das meine eigene Grenze in Bezug auf das bereits Bekannte sprengt.
Je weiter weg ich mich aus meiner Komfortzone bewege, je mehr ich auf mich selbst angewiesen bin, je größer meine Angst, desto intensiver lebe ich diese Momente.

Laufexpeditionen sind in sich labile Projekte, weil es dabei viele Unwägbarkeiten gibt: das Wetter, das Material, der Proviant, die Gesundheit. Eine Krankheit oder etwas Falsches gegessen – und die ganze Expedition kann zu Ende sein. Diese Faktoren kann ich nicht immer beeinflussen und der einzige Weg ist, Frieden mit der Angst zu schließen.

Mein Weg als Abenteurer und Extremläufer findet sich oft dort, wo die Angst ist. Denn nur dann entsteht dabei etwas Großartiges. Etwas, das ich mir nicht erkaufen kann. In unserem Leben kommt es nicht auf die numerische Anzahl der gelebten Jahre an, sondern vielmehr darauf, wie diese Jahre mit Leben erfüllt werden. Es geht um die Lebendigkeit und Intensität von Lebensmomenten. Und diese erfahre ich nicht, wenn ich mich immer nur im Bereich der Sicherheit aufhalte. Bei meinen Abenteuern mache ich mir die Angst zum Freund. Ich darf mich nicht von der Angst abwenden, sondern ich muss mich ihr stellen, dann weist sie mir auch den richtigen Weg. Wenn ich tatsächlich in einer kritischen Situation stecke, sodass die Angst die Oberhand gewinnt, dann ist es besser umzukehren oder abzubrechen. Das habe ich beispielsweise beim Jungle Marathon in Brasilien gemacht, als ich infolge eines Kreislaufzusammenbruchs den Lauf abbrach. Als passionierter Abenteurer ziehe ich immer den Weg der Unsicherheit und des Unbekannten gegenüber der Sicherheit und dem Bekannten vor. Hoher Einsatz, hohes Risiko, hoher Erlebniswert.

Wenn es doch so offensichtlich ist, dass wir nur außerhalb der Komfortzone, in der Wachstumszone, unseren Zielen und Träumen näherkommen, dann müsste doch eigentlich jeder permanent aus seine Komfortzone ausbrechen, oder? Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Sicherheit des Bekannten wird dem Unbekannten der Freiheit vorgezogen. Viele Menschen lassen sich durch die Jahre treiben. Wenig einsetzen, wenig riskieren, wenig erreichen – lediglich existieren. Das ist einfach. Warum selbst gegen den Ball treten, wenn ich doch anderen auf der Fernsehcouch beim Fußballspielen zuschauen kann? Warum eine neue Fremdsprache erlernen, wenn ich doch sowieso nur zum 34. Mal Urlaub im Bayerischen Wald mache? Warum das schwierige Gespräch mit meiner Tochter führen, wenn ich sie doch ganz bequem vor dem Fernseher „parken“ kann? Bequemlichkeit tötet jeden Ehrgeiz. Diese Menschen fühlen sich wohl in ihrer Komfortzone, denn dort existiert keine Angst. Warum sind die meisten Menschen in dieser Zone der Sicherheit „gefangen“? Warum brechen sie nicht einfach aus? Weil sie sich wohl und gleichzeitig innerlich gefangen fühlen. Weil sie sich mit ihrem Status Quo zufrieden geben und insgeheim doch gerne etwas anderes hätten.

Die Angst ist etwas Großes, was uns extrem einschränken, aber auch stark voran treiben kann. Aber wieso haben wir Angst? Wieso entsteht sie überhaupt? Dazu nächste Woche mehr hier auf dem Blog.