Aller Anfang ist schwer.

(Sprichwort)

Die Schotterpiste nimmt einfach kein Ende. Sie führt kreuz und quer über die Insel. Mal geht es bergauf, mal bergab. Nur selten verläuft der Weg in der Ebene. Um mich herum nichts als Natur. Grenzenlose Weite und beängstigende Einsamkeit umgeben mich. Keine Menschenseele weit und breit.

Ich befinde mich irgendwo in der Pampa Patagoniens im äußersten Süden Chiles. Genauer gesagt in Feuerland, der größten Insel Südamerikas. Tierra del Fuego („Land des Feuers“) wie Feuerland im Spanischen heißt, liegt ganz im Süden des amerikanischen Kontinents und ist durch die Magellanstraße vom südamerikanischen Festland getrennt. Nur die Antarktis liegt noch südlicher. Die zwischen Argentinien und Chile geteilte Insel bietet eine ganz eigene Pflanzen- und Tierwelt und hat mich schon jahrelang in den Bann gezogen. Nun darf ich endlich hier sein. Die Abgeschiedenheit und Einöde sowie die wilde und raue Landschaft Feuerlands faszinieren mich. In dieser Gegend kann sich das Wetter innerhalb von wenigen Minuten komplett verändern. Diese extremen Bedingungen haben mich zu einem außergewöhnlichen Laufabenteuer veranlasst: „FIRE & ICE“, einer Expedition über insgesamt 600 Kilometer in zwölf Tagen quer durch Feuerland. Vollkommene Autonomie, also kein Begleitfahrzeug, kein Team und keine motorisierte Unterstützung, das war mein Anspruch bei diesem Abenteuer. Daraus folgt, dass ich das vollständige Equipment für die gesamte Laufstrecke, inklusive Zelt, Kochutensilien, Kleidung sowie aller Wasser- und Essensvorräte mit mir führen muss. Insgesamt fast 50 Kilogramm an Gewicht. Ein umgebauter Babyjogger, mit dem ich normalerweise meine Tochter Marla durch die Gegend schiebe, fungierte dabei als Transportsystem.

Die ersten Etappen der Expedition waren mühsam. Nicht nur wegen des orkanartigen Winds, der das Vorankommen extrem erschwerte, sondern wegen einer Reihe anderer Gründe. Ich suchte meinen Laufrhythmus – und fand ihn nicht. Der Hüftgurt, mit dem ich den Babyjogger hinter mir herzog, rieb auf der Haut. Die Ausrüstung war nicht optimal im Jogger aufgeteilt. Das Zeltaufbauen dauerte abends viel zu lange. Doch solche Dinge sind normal bei einem langen Etappenrennen. Das wusste ich aus vielen solcher Läufe. „Hab Geduld“, sagte ich mir innerlich immer wieder. Ab der vierten Etappe lief es dann besser. Carole, die mich als Fotografin auf dem Rad begleitete, und ich waren besser aufeinander eingespielt. Den Hüftgurt nahm ich nicht mehr wahr und der Körper hatte sich an die täglichen Belastungen gewöhnt. Routinen und feste Abläufe hatten sich gebildet, die uns das Leben im wilden Feuerland erleichterten. Von Tag zu Tag lief es besser. Fast wie am Schnürchen. Ich war voll in meinem Element. Alles um mich herum blendete ich aus. Für mich existierte jetzt nur noch „FIRE & CE“. Rund um die Uhr. Wie eine schwere Lokomotive, die endlich gestartet ist und die nichts und niemand mehr aufhält – so kam ich mir vor. Oder anders gesagt: Ich hatte nun Momentum.

Momentum kann als Bewegung, Schwung oder Eigendynamik übersetzt werden. Das Prinzip dahinter: Die ersten Meter sind immer die schwersten. Du brauchst alle Kraft. Wenn du aber erstmal in Schwung bist, benötigst du viel weniger Energie. Durch das Gehen Richtung Ziel entwickelt sich ein Schwung, eine eigene Dynamik, die dich immer schneller zu deinem Ziel führt. Das Prinzip des Schwungs ist eines der größten Erfolgsgeheimnisse überhaupt. Momentum beginnt immer mit Disziplin. Je mehr du trainierst, umso besser wirst du. Je besser du bist, umso besser werden deine Resultate. Je besser die Resultate, umso motivierter bist du. Je motivierter du bist, umso mehr arbeitest du. Und umso mehr Momentum hast du. Aber der Ausgangspunkt, mit dem du diese Spirale in Gang setzt, ist Disziplin.

Selbst wenn wir Momentum erreicht haben, brauchen wir weiterhin ein wenig Disziplin. Ich erkläre es dir an einem Beispiel. Stell dir vor: Laufen ist überhaupt nicht dein Lieblingssport und dennoch willst du beginnen, regelmäßig zu laufen. Du fängst an. Morgens um sechs Uhr klingelt dein Wecker. Die ersten Wochen ist es oftmals ein ständiger Kampf, dich zum Laufen aufzuraffen. Dann hast du nach einiger Zeit Momentum aufgebaut und springst morgens mit Freude und ohne groß darüber nachzudenken in die Laufschuhe. Aber nicht immer, sondern nur bei fünf von sieben Laufeinheiten. Die anderen beiden Trainingstage brauchst du noch etwas Disziplin, aber längst nicht so viel wie zu Beginn. Sobald du losgelaufen bist, genießt du den Lauf. Und das war während der ersten Wochen ganz anders. Nach Monaten wird das Laufen zu einer festen Gewohnheit. Jetzt stolperst du morgens automatisch in deine Laufschuhe, du wachst sogar mit der Vorfreude auf das Joggen auf. Jedes Mal. Bis auf ein oder zwei Tagen, an denen es dir schwerer fällt, aufzustehen. Dieser Zustand hält ein Leben lang an. Ganz selten brauchst du noch ein wenig Disziplin. Die weitaus meiste Zeit hält sich das Momentum von allein. Ob beim Laufen, beim Lernen einer neuen Sprache, beim Einführen einer neuen Software oder dem Schreiben eines ganzen Buchs – bei jeder dauerhaften Aktivität hilft dir Momentum weiter.

Mein Impuls

Mach dir bewusst, dass du zu Beginn eines Vorhabens viel Kraft, Zeit und Energie benötigst, um überhaupt zu starten. Die ersten Meter sind die schwersten. Wenn du aber Momentum aufgebaut hast, dann kann dich nichts und niemand mehr stoppen.

Wenn du noch keine Eigendynamik aufgebaut hast und es dir schwer fällt, ins Handeln zu kommen, empfehle ich dir die Mentaltechnik „So tun, als ob“. Bei dieser Methode geht es darum, sich so zu verhalten, als wärst du schon motiviert, als hättest du bereits Momentum. Solch ein Verhalten hat Einfluss auf den tatsächlichen Aktivierungsgrad. Das tatsächliche Verhalten beeinflusst unseren mentalen Zustand enorm, denn Verhalten und innere Einstellung bedingen sich gegenseitig.

Mach dir bewusst, wie sich ein erfolgreicher Sportler verhält, der motiviert ist! Wie ist seine Körpersprache? Seine Gestik? Sein Gesichtsausdruck? Imitiere dieses Verhalten. Fang damit an, dass du dich vor einen Spiegel stellst und dich für zehn Sekunden mit voller Überzeugung anlächelst. Probier es aus!