Durchhaltevermögen

Der Monat der ersten Male

Der November hat es für mich in diesem Jahr in sich. Im positiven Sinne. Ich habe mich lange auf diesen Monat vorbereitet und mir hohe Ziele gesteckt. Doch sind es Ziele, von denen ich weiß, dass ich sie erreichen kann und erreichen werde, was ich von einem bereits behaupten darf: (mehr …)

Motive: Erkenne, akzeptiere und lebe deine Werte

Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.

(Friedrich Wilhelm Nietzsche, 1844–1900)

Im Oktober 2012 nehme ich bei einem der anspruchsvollsten und gleichzeitig beeindruckendsten Wüstenrennen der Erde teil: dem Kalahari Extreme Marathon in Südafrika. Dieser Lauf geht über insgesamt 250 Kilometer in sechs Etappen durch den südlichen Teil der Kalahari Wüste. 45 Läuferinnen und Läufer aus der ganzen Welt sind am Start. Unter ihnen ein junger Mann, der sich schon aufgrund seiner äußeren Erscheinung deutlich von den anderen Läufern unterscheidet: Kian aus Singapur. 34 Jahre alt, Vater von zwei Kindern und fast immer gut drauf. Ein richtig lockerer Zeitgenosse ist das. Als ich ihn vor dem Lauf in Johannesburg zum ersten Mal sehe, denke ich: Hmmm, was will denn der hier? Von seinem Äußeren passt er eher zum Sumo-Ringen als zum Laufen. Der bringt mindestens 100 Kilogramm auf die Waage. Ein Koloss von einem Mann. Wie will denn der mit so einer Statue diesen sehr anspruchsvollen Wüstenlauf bestehen? Das schafft er nie. Absolut ausgeschlossen.

Als wir im Hotel unsere Rucksäcke für den Lauf packen, erzählt mir Kian stolz, dass er durch das Training für diesen Lauf bereits 20 Kilogramm abgenommen hätte. Von 125 auf 105 Kilogramm. Mehr aus einem Verantwortungsgefühl heraus frage ich ihn daraufhin: „Wie viele Marathons bist du denn schon gelaufen?“ Nach meiner Einschätzung hätte jetzt so etwas kommen müssen wie: schon dutzende Marathons und auch schon den einen oder anderen Ultramarathon. Kian aber reagiert völlig verblüfft und antwortet mir: „Ich habe noch keinen einzigen Marathon gemacht. Mein längster Wettkampf ging über zehn Kilometer.“ Ich denke mir im Stillen: „Wow. Das ist ja mal eine gute Basis für solch einen extremen Wüstenlauf. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er aufgibt.“

Für mich ist ein großes Dilemma, denn ich mochte ihn auf Anhieb und bin froh, dass er bei diesem Lauf dabei ist, aber ich habe – gelinde ausgedrückt – ernsthafte Bedenken. Ich bin wirklich drauf und dran, ihm zu sagen: „Junge, lass mal stecken, genieß einfach die Gegend, achte auf deine Gesundheit und fahr in einem der Begleitfahrzeuge des Organisationsteams mit.“

Am nächsten Tag geht das Rennen los. Die erste Etappe über 30 Kilometer ist zum Einlaufen gedacht. 40 Grad Celsius, gleißende Sonne, sandige Strecke. Extrem kraftraubend. Ich bin begeistert von der Landschaft, voll in meinem Element und komme locker ins Etappenziel. Und irgendwann, sehr viel später als alle anderen, erreicht auch Kian das erste Lager. Er ist gut gelaunt, doch wir haben ja noch 220 lange und schwere Kilometer vor uns. Auf der zweiten Etappe, die technisch deutlich anspruchsvoller als die erste ist, gilt es 38 Kilometer zu laufen. Fünf Läufer geben heute bereits auf. Doch Kian hält irgendwie durch, kommt nach 11 Stunden im Lager an. Völlig erschöpft, fix und fertig mit der Welt – aber er ist im Tagesziel. Auch die dritte Etappe hält er irgendwie durch. Am vierten Tag steht die Königsetappe an. 79 Kilometer am Stück. 79 Kilometer durch tiefen Sand, durch gnadenlose Hitze und später auch durch die Dunkelheit. Heute wird sich definitiv die Spreu vom Weizen trennen. Nach 16 Stunden ist der letzte Läufer im Camp angekommen, einige haben aufgegeben, nur einer fehlte überhaupt: Kian. Dann kommt die Nacht. Von Kian keine Spur. Am nächsten Tag geht wieder die Sonne auf. Von Kian immer noch keine Spur.

Doch als niemand mehr wirklich an ihn glaubt, torkelt er heran und finisht auch die Königsetappe. Hundemüde, völlig dehydriert und geschwächt. 27 Stunden hat er für diesen Abschnitt gebraucht, sich mutterseelenallein durch die Nacht gekämpft und nicht aufgegeben. Alle sind fassungslos.

Kian schafft auch noch die letzten zwei Etappen und beendet den gesamten Kalahari Extreme Marathon trotz enormen Übergewichts, entgegen aller Vorhersagen und gegen jede reelle Chance. Unglaubliche 73 Stunden und 10 Minuten ist er gelaufen!

Selbstverständlich musste ich ihn, den vermeintlich Ahnungslosen, anschließend fragen, was sein Geheimnis war. Wie hatte er das geschafft? Und warum hatte er sich diese übermenschliche Anstrengung angetan? Warum das alles?

Was war seine Antwort? Ebenso einfach wie auch sofort einleuchtend und schön: Ein bedeutendes soziales Projekt in seiner Heimat war der tiefere Hintergrund für seine Teilnahme. Dafür war er über seine Grenzen gegangen. Er war für Kinder in den Waisenhäusern Singapurs gelaufen. Jeder Kilometer brachte bares Geld für diese Kinder. Immer wenn es ihm extrem schlecht gegangen, immer wenn Verzweiflung aufgekommen war, hatte er an diese Kinder gedacht. Das imponierte mir sehr und ich kann mich heute noch lebhaft daran erinnern, wie seine Augen leuchteten, als er mir davon erzählte.

Wir können Kians Geschichte übertragen und diese Sinnfrage auch in anderen Bereichen stellen. Warum liest du dieses Buch? Warum gehst du deinem aktuellen Beruf nach? Warum stehst du jeden Morgen auf? Warum bist du mit deinem derzeitigen Partner zusammen?

Vielleicht hast du dir diese Fragen schon länger nicht mehr gestellt. Deshalb ermutige ich dich: Frage dich nach deinem innersten Motiv für die jeweilige Handlung. Von deinen Motiven gehen unerschöpfliche Kräfte aus.

Mein Impuls

Ein eigenes, konkretes und messbares Ziel zu haben ist enorm wichtig. Doch es muss noch etwas Weiteres hinzukommen, um langfristig Motivation zu verspüren: das dazugehörige Motiv.

Die Frage: Warum willst du dieses Ziel erreichen?, musst du dir beantworten können. Denn wenn du dein WARUM kennst, erträgst du auch jedes WIE. Jedes Motiv ist immer stärker als das Ziel.

Deshalb: Lerne deine Motive kennen! Beschäftige dich mit deiner Persönlichkeitsstruktur. Was sind deine persönlichen Motivationsknöpfe? Was treibt dich an? Warum führst du eine bestimmte Handlung aus? Erkenne, akzeptiere und lebe deine Motive! 

Durchhaltevermögen: Weshalb 87.600 Stunden zum Erfolg führen

Ausdauer wird früher oder später belohnt. Meist später.

(Wilhelm Busch, 1832–1908)

Ausdauer ist langfristig gesehen der wichtigste Erfolgsfaktor im Leben. Denn: Fehler kannst du korrigieren, Probleme kannst du lösen. Aber wenn du aufgibst, dann ist es vorbei. Ich weiß, wovon ich spreche. Denn der Weg, den ich als Ultramarathonläufer gegangen bin und immer noch gehe, ist nur durch die Rückschläge im Marathon möglich geworden. Die ersten Jahre meiner Laufkarriere konzentrierte ich mich hauptsächlich auf die Marathondistanz, und diese wollte ich so schnell wie möglich absolvieren. Unter drei Stunden hieß im Jahr 2002 mein großes Ziel. Ich wollte beim Venedig Marathon diese magische Grenze schaffen. Am Ende lief ich dort 3 Stunden, 8 Minuten und 31 Sekunden. Ich ließ mich durch diese Erfahrung nicht entmutigen und versuchte es ein halbes Jahr später wieder. Beim Paris Marathon im April 2003 lief ich dann 3 Stunden, 9 Minuten und 15 Sekunden. Ich versuchte es wieder und auch beim Köln Marathon im Oktober 2003 schaffte ich es nicht, unter drei Stunden zu bleiben. Ich war frustriert, deprimiert und eine Welt schien für mich zusammenzubrechen. Bei der Suche nach neuen läuferischen Zielen entdeckte ich die Ultradistanzen für mich. Auf einmal nahm ich diese Strecken, jenseits der 42 Kilometer des Marathons, wahr. Zuvor hatte ich immer nur durch die Brille eines Marathons geschaut. Und erst auf den Ultramarathondistanzen, auf denen ich meine Stärken viel besser einsetzen kann, stellten sich nach und nach Erfolge ein.

Was ich in meiner Laufkarriere gelernt habe, ist, dass es keinen schnellen Erfolg gibt. Auf dem Weg zum Ziel gehören Rückschläge, Hindernisse und Hürden dazu. Und das erfordert von Ausdauer und Durchhaltevermögen, zwei wesentliche Eigenschaften, wenn es um persönlichen Erfolg geht. Als ich mir vor Kurzem wieder das Höhenprofil des Ultra-Trail Mont Blanc, einem der anspruchsvollsten Bergläufe in Europa, angesehen habe, stellte ich fest, dass dieses Profil doch auch unser Leben symbolisiert. Das Profil dieses extremen Berglaufs über mittlerweile 166 Kilometer, 9.400 Höhenmeter und zehn alpine Bergpässe spiegelt unser Leben wider. Denn unser Leben verläuft nicht auf einer ebenen, geraden Strecke wie bei einem Citymarathon. In unserem Leben geht es doch immer wieder auf und ab, Hochs und Tiefs wechseln einander ab. Zunächst gilt es, überhaupt einmal zu starten, anzufangen und die ersten Schritte zurückzulegen. Zu Beginn haben wir häufig noch die Begeisterung und die Leidenschaft in uns. Alles scheint einfach zu sein und wie von selbst zu laufen. Doch auf dem weiteren Weg treten dann die ersten schwierigen Situationen auf. Hürden und Hindernisse stellen uns auf die Probe.

Solche Hindernisse sind beim Lauf um den Mont Blanc beispielsweise die brutalen Anstiege, das Laufen bei Nacht, die eisige Kälte, die Müdigkeit oder die steilen Abstiege. Im Alltagsleben können solche Hindernisse schwierige Telefonate, wichtige Präsentationen, entscheidende Spiele oder schwerwiegende Verletzungen und Krankheiten darstellen. An diesem Punkt entscheidet es sich: Gehen wir weiter oder geben wir auf? Sehen wir das Hindernis als unüberwindbar an oder betrachten wir es als Herausforderung? Jetzt kommt es nur auf das Durchhaltevermögen an. Viele Menschen geben leider schon beim ersten Berg, bei der ersten Hürde, beim ersten Hindernis auf. Andere überwinden die Anfangsschwierigkeiten, geben dann aber mittendrin auf. Oder sie bezwingen fast alle Hindernisse und hören kurz vor dem Ziel, beim allerletzten Hindernis, auf. Obwohl nur noch ein paar Meter zum Ziel fehlen, ein wenig mehr Anstrengung, notwendig gewesen wäre, um den großen Erfolg zu erreichen. Wenn du vor einem steilen Berg stehst und in dir Zweifel aufkommen, ob du diesem Hindernis gewachsen bist, besteht die große Kunst darin, einfach weiterzumachen. Ob beim Extremsport oder im normalen Leben.

Doch wie schaffen wir das? Wie schaffen wir es, nach zehn erfolglosen Telefonaten wieder zum Hörer zu greifen und weiterzumachen? Wie schaffen wir es, uns nach drei erfolglosen Marathonläufen für den nächsten zu motivieren? Indem wir uns bewusst machen, dass wir Zeit brauchen. Ausdauer und Durchhaltevermögen haben sehr viel mit Zeit zu tun. Ich kann nicht heute mit dem Laufen beginnen und dann schon übermorgen erfolgreich 166 Kilometer um den Mont Blanc laufen wollen. Das geht nicht. Wir müssen uns einfach von Anfang an bewusst machen, dass es ein langer Weg zum Erfolg ist. Zuerst muss immer die Anstrengung erfolgen und erst danach, mit zeitlicher Verzögerung, erhalten wir die Belohnung. Und über diese zeitliche Verzögerung müssen wir uns schon von Beginn an im Klaren sein. Ich muss zunächst unzählige Stunden in mein Training investieren, um überhaupt um den Mont Blanc laufen zu können und dann auch ins Ziel zu kommen. Klingt eigentlich logisch, oder? Den umgekehrten Weg zu gehen, macht schlichtweg keinen Sinn. Doch genau das wollen anscheinend viele Menschen: erfolgreich sein und dafür nichts tun. Doch so funktioniert das nicht. Zu diesem Punkt können wir sehr bildhaft das Pareto-Prinzip, besser bekannt als die 80:20-Regel, anwenden. Achtzig Prozent eines Erfolgs kommen erst mit den letzten zwanzig Prozent der Anstrengung. Oder anders ausgedrückt: Wir müssen zunächst einmal einen Großteil an Zeit und Energie (80%) aufwenden, um überhaupt die ersten Erfolgserlebnisse (20%) zu bekommen. Das erfordert kurzfristig Selbstdisziplin und langfristig einen langen Atem.

Wie lange benötigen wir, um auf einem Gebiet, egal in welchem Lebensbereich, zur Spitze zu gehören? Wie lange brauchen wir, bis wir eine Sache, die wir beginnen, sehr gut beherrschen? Bis es so weit ist, dass jemand in seinem Schwerpunktthema Expertenstatus erhält, sind mindestens sieben, realistischerweise eher zehn Jahre notwendig. Zehn Jahre. Oder 120 Monate oder 3.650 Tage oder 87.600 Stunden. Doch viele Menschen gehen tatsächlich davon aus, dass sie von heute auf morgen erfolgreich werden, dass sie gar nichts dafür tun müssen und ihnen alles in die Wiege gelegt wird. Was für ein Trugschluss! Ohne Arbeit, ohne Engagement, ohne Anstrengung, ohne Selbstdisziplin und vor allem ohne Durchhaltevermögen kommen wir nicht weit im Leben. Der extreme Ausdauersport ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Training, Training und nochmals Training, über Wochen, Monate und Jahre stellen die Basis zum Erfolg dar.

Darüber hinaus bestimmen noch zwei weitere Faktoren, ob du bei einem Extremlauf durchkommst oder aufgeben musst: deine Willenskraft und eben das Durchhaltevermögen. Fehlendes Durchhaltevermögen und mangelnde Beharrlichkeit sind zwei der Hauptgründe, warum viele Menschen scheitern. Sie geben einfach zu früh auf.

Mein Impuls

Du brauchst Zeit, bis du in einem Lebensbereich wirklich Erfolg haben kannst. Nichts geschieht von heute auf morgen. Zuerst erfolgt immer die Anstrengung und erst danach, mit zeitlicher Verzögerung, erhältst du die Belohnung. Und über diese zeitliche Verzögerung musst du dir schon von Beginn an im Klaren sein.

Mach dir bewusst: du benötigst mindestens ein Jahr, um etwas zum Laufen zu bringen. Deine Selbstständigkeit, ein neues Projekt, eine große Aufgabe. Du benötigst zehn Jahre, um eine Sache exzellent zu beherrschen. Deshalb: Arbeite hart an dir und sei geduldig.