Ultramarathon

Zwischenziele: Die Macht der Aufteilung

„Nichts ist besonders schwer, wenn du es in kleine Aufgaben teilst“ –

(Henry Ford, 1863–1947)

Für mein erstes Buch „EXTREM – Die Macht des Willens“ habe ich über drei Jahre gebraucht. Zunächst war ich voller Elan und hochmotiviert, mein großes Ziel „eigenes Buch schreiben“, anzugehen. Doch ich kam nicht in die Gänge. Die Blätter, auf das ich mein Manuskript schrieb, blieben häufig leer. Ich war verzweifelt und frustriert. Heute kenne ich die Gründe für diese Situation, in der ich mich befunden hatte. Ich habe mich monate- und jahrelang selbst sabotiert. In meinem Kopf war es unmöglich, 250 Seiten mit Inhalt zu füllen. Meine Gedanken sagten zu mir: Du hast noch nie ein Buch geschrieben, du weißt noch nicht genug, du bist nicht gut genug dafür. Anstatt mir das jedoch einzugestehen, habe ich jeden Tag andere Dinge gemacht. Kleine Sachen, wie Briefe oder E-Mails beantworten, jemanden anrufen, spazieren gehen. Ich ertappte mich ständig dabei, wie ich mich permanent in unwichtige Alltagsarbeiten verstricken ließ. Warum ging ich diesen belanglosen Tätigkeiten nach? Weil ich das Gefühl der subjektiven Überforderung spürte. Was bedeutet das? Du setzt dir ein großes Ziel und weißt, dass es ganz viel Arbeit und Energie kostet. Dein Endziel ist vor deinem inneren Auge vollkommen außer Reichweite. Weit und breit ist für dich keine Ziellinie, kein Gipfel in Sicht. Ein Gefühl der Unerreichbarkeit überkommt dich. Subjektive Überforderung. Genau in diesem Zustand befand ich mich.

Dann lernte ich die Macht der Aufteilung kennen. Das bedeutet, du unterteilst dein großes Ziel in einzelne machbare Zwischenschritte.

Anstatt 250 Seiten auf einmal zu Papier zu bringen, habe ich mir zum Ziel gesetzt, jeden Tag nur eine Seite zu schreiben. Nur eine Seite – 250 Tage lang. Das war anfangs eine enorme Herausforderung. Selbstdisziplin in Reinform. Jeden Abend habe ich mich an meinen Schreibtisch gesetzt und angefangen zu schreiben und war stolz wie Oskar, wenn ich wieder eine Seite geschafft hatte. Mit der Zeit ging es immer leichter und schneller. Das ist die Macht der Aufteilung. Die Macht der kleinen Zwischenziele. Sie schützt uns vor der subjektiven Überforderung.

Als ich mit dem Ultramarathonlaufen vor 13 Jahren begonnen habe, fiel mir bei sehr vielen Wettkämpfen immer wieder ein bestimmter Läufer auf. Ob beim legendären 100 Kilometer-Lauf in Biel, beim 6-Stunden-Lauf in Nürnberg oder beim Fidelitas Nachtlauf in Karlsruhe. Immer wieder tauchte das Gesicht eines etwas älteren Herrn auf. Weißer Vollbart, schwarzes Kopftuch, sympathisches Gesicht. Mein erster Gedanke war: Ganz schön alt. Doch er schien jedes Mal topfit zu sein. Bei jedem Lauf erreichte er das Ziel. Vor dem Lauf am Mont Blanc kamen wir schließlich ins Gespräch. Er stellte sich als Bernhard vor. Wir verstanden uns sofort und redeten gleich über Gott und die Welt. Er erzählte mir von seinen Laufabenteuern, die ihn schon in die entlegensten Winkel der Erde geführt hatten. Zum Beispiel vom legendären Badwater Ultramarathon im Tal des Todes in den USA. 217 Kilometer und über 4.000 Höhenmeter nonstop bei teilweise fünfzig Grad. Unfassbar! Einige jüngere Läufer mussten aufgeben, doch er beendete dieses Rennen erfolgreich. Ich war, gelinde ausgedrückt, stark beeindruckt von ihm. Fast wäre ich auf die Knie gefallen und hätte ihm seine Schuhe geküsst. Zu diesem Zeitpunkt war ich Mitte 20 und noch total unerfahren im Bereich Ultramarathon. Vor den gewaltigen Leistungen Bernhards hatte ich allergrößten Respekt. Und irgendwann wollte ich von ihm wissen, wie alt er denn sei. Das interessierte mich brennend. Mich haute es fast aus meinen Laufschuhen, als er zu mir sagte, dass er 62 Jahre war. Ich war hin und weg und fragte mich: Wie schafft es ein 62-jähriger Mann Distanzen von 100 Kilometern und mehr zu laufen? Was ist sein Erfolgsgeheimnis? Und genau diese Frage stellte ich ihm. Was war seine Antwort? Er sagte mir mit seiner tiefen Stimme: „Ich laufe nicht 100 Kilometer, sondern einen Kilometer – 100 Mal!“

Das ist die Macht der Aufteilung. Bernhard konzentrierte sich immer nur auf den jeweiligen Kilometer und konnte so die ganze Strecke laufen. Bei einer Konzentration auf die gesamte Strecke hätte ihn allein der Gedanke daran schon völlig abgelenkt und ermüdet. Begeistert von dieser Erkenntnis fing ich an, genau dieses Prinzip auf mich zu übertragen. Und von da an gingen meine Gedanken bei den Läufen immer nur bis zum nächsten Verpflegungspunkt oder beschränkten sich auf den aktuellen Kilometer. Ich denke heute teilweise nur noch an den jeweils nächsten Schritt. „Jeder gelaufene Meter bringt dich deinem großen Ziel ein Stück näher“, habe ich dann im Hinterkopf. Die gesamte Strecke, die gesamten 1120 Kilometer wie bei meinem Lauf durch Australien sind völlig ausgeblendet. Damit erhalte ich eine ganz andere Einstellung gegenüber Distanzen. 1120 Kilometer kann ich mir nur schwer vorstellen. Aber acht Kilometer oder auch zwölf Kilometer sind noch überschaubar. Was ist dein nächster Kilometer in deinem „Berufsmarathon“? Ein dringendes Telefonat? Eine wichtige Prüfung? Die entscheidende Verkaufspräsentation? Der Abgabe des Projektplans?

Mein Impuls

Ein großes Ziel liegt häufig in weiter Ferne, ist nicht greifbar und momentan noch nicht vorstellbar. Da fällt es einem oft schwer, überhaupt den ersten Schritt Richtung Ziel zu machen. Die Motivation zu handeln, geht dann fast gegen null. Wenn du dir nun ein kleines Teilziel von diesem großen Ziel ableitest und dir dieses als nächstes Ziel vornimmst, macht dies einiges leichter. Dieses neue Ziel, dieses Teilziel, ist greifbarer und du bist motivierter den ersten Schritt dorthin zu unternehmen. Das hat wiederum die ersten Erfolgserlebnisse zur Folge. Beflügelt davon, wirst du die nächsten Schritte auf dem Weg zum Ziel unternehmen und dann dein Teilziel erreichen. Nach dem ersten Teilziel nimmst du dir die nächsten Schritte Richtung zweites Teilziel vor und so weiter, bis du eines Tages, nach Tausenden von Schritten und vielen Meilensteinen später endlich am großen Ziel bist.

Durchhaltevermögen: Weshalb 87.600 Stunden zum Erfolg führen

Ausdauer wird früher oder später belohnt. Meist später.

(Wilhelm Busch, 1832–1908)

Ausdauer ist langfristig gesehen der wichtigste Erfolgsfaktor im Leben. Denn: Fehler kannst du korrigieren, Probleme kannst du lösen. Aber wenn du aufgibst, dann ist es vorbei. Ich weiß, wovon ich spreche. Denn der Weg, den ich als Ultramarathonläufer gegangen bin und immer noch gehe, ist nur durch die Rückschläge im Marathon möglich geworden. Die ersten Jahre meiner Laufkarriere konzentrierte ich mich hauptsächlich auf die Marathondistanz, und diese wollte ich so schnell wie möglich absolvieren. Unter drei Stunden hieß im Jahr 2002 mein großes Ziel. Ich wollte beim Venedig Marathon diese magische Grenze schaffen. Am Ende lief ich dort 3 Stunden, 8 Minuten und 31 Sekunden. Ich ließ mich durch diese Erfahrung nicht entmutigen und versuchte es ein halbes Jahr später wieder. Beim Paris Marathon im April 2003 lief ich dann 3 Stunden, 9 Minuten und 15 Sekunden. Ich versuchte es wieder und auch beim Köln Marathon im Oktober 2003 schaffte ich es nicht, unter drei Stunden zu bleiben. Ich war frustriert, deprimiert und eine Welt schien für mich zusammenzubrechen. Bei der Suche nach neuen läuferischen Zielen entdeckte ich die Ultradistanzen für mich. Auf einmal nahm ich diese Strecken, jenseits der 42 Kilometer des Marathons, wahr. Zuvor hatte ich immer nur durch die Brille eines Marathons geschaut. Und erst auf den Ultramarathondistanzen, auf denen ich meine Stärken viel besser einsetzen kann, stellten sich nach und nach Erfolge ein.

Was ich in meiner Laufkarriere gelernt habe, ist, dass es keinen schnellen Erfolg gibt. Auf dem Weg zum Ziel gehören Rückschläge, Hindernisse und Hürden dazu. Und das erfordert von Ausdauer und Durchhaltevermögen, zwei wesentliche Eigenschaften, wenn es um persönlichen Erfolg geht. Als ich mir vor Kurzem wieder das Höhenprofil des Ultra-Trail Mont Blanc, einem der anspruchsvollsten Bergläufe in Europa, angesehen habe, stellte ich fest, dass dieses Profil doch auch unser Leben symbolisiert. Das Profil dieses extremen Berglaufs über mittlerweile 166 Kilometer, 9.400 Höhenmeter und zehn alpine Bergpässe spiegelt unser Leben wider. Denn unser Leben verläuft nicht auf einer ebenen, geraden Strecke wie bei einem Citymarathon. In unserem Leben geht es doch immer wieder auf und ab, Hochs und Tiefs wechseln einander ab. Zunächst gilt es, überhaupt einmal zu starten, anzufangen und die ersten Schritte zurückzulegen. Zu Beginn haben wir häufig noch die Begeisterung und die Leidenschaft in uns. Alles scheint einfach zu sein und wie von selbst zu laufen. Doch auf dem weiteren Weg treten dann die ersten schwierigen Situationen auf. Hürden und Hindernisse stellen uns auf die Probe.

Solche Hindernisse sind beim Lauf um den Mont Blanc beispielsweise die brutalen Anstiege, das Laufen bei Nacht, die eisige Kälte, die Müdigkeit oder die steilen Abstiege. Im Alltagsleben können solche Hindernisse schwierige Telefonate, wichtige Präsentationen, entscheidende Spiele oder schwerwiegende Verletzungen und Krankheiten darstellen. An diesem Punkt entscheidet es sich: Gehen wir weiter oder geben wir auf? Sehen wir das Hindernis als unüberwindbar an oder betrachten wir es als Herausforderung? Jetzt kommt es nur auf das Durchhaltevermögen an. Viele Menschen geben leider schon beim ersten Berg, bei der ersten Hürde, beim ersten Hindernis auf. Andere überwinden die Anfangsschwierigkeiten, geben dann aber mittendrin auf. Oder sie bezwingen fast alle Hindernisse und hören kurz vor dem Ziel, beim allerletzten Hindernis, auf. Obwohl nur noch ein paar Meter zum Ziel fehlen, ein wenig mehr Anstrengung, notwendig gewesen wäre, um den großen Erfolg zu erreichen. Wenn du vor einem steilen Berg stehst und in dir Zweifel aufkommen, ob du diesem Hindernis gewachsen bist, besteht die große Kunst darin, einfach weiterzumachen. Ob beim Extremsport oder im normalen Leben.

Doch wie schaffen wir das? Wie schaffen wir es, nach zehn erfolglosen Telefonaten wieder zum Hörer zu greifen und weiterzumachen? Wie schaffen wir es, uns nach drei erfolglosen Marathonläufen für den nächsten zu motivieren? Indem wir uns bewusst machen, dass wir Zeit brauchen. Ausdauer und Durchhaltevermögen haben sehr viel mit Zeit zu tun. Ich kann nicht heute mit dem Laufen beginnen und dann schon übermorgen erfolgreich 166 Kilometer um den Mont Blanc laufen wollen. Das geht nicht. Wir müssen uns einfach von Anfang an bewusst machen, dass es ein langer Weg zum Erfolg ist. Zuerst muss immer die Anstrengung erfolgen und erst danach, mit zeitlicher Verzögerung, erhalten wir die Belohnung. Und über diese zeitliche Verzögerung müssen wir uns schon von Beginn an im Klaren sein. Ich muss zunächst unzählige Stunden in mein Training investieren, um überhaupt um den Mont Blanc laufen zu können und dann auch ins Ziel zu kommen. Klingt eigentlich logisch, oder? Den umgekehrten Weg zu gehen, macht schlichtweg keinen Sinn. Doch genau das wollen anscheinend viele Menschen: erfolgreich sein und dafür nichts tun. Doch so funktioniert das nicht. Zu diesem Punkt können wir sehr bildhaft das Pareto-Prinzip, besser bekannt als die 80:20-Regel, anwenden. Achtzig Prozent eines Erfolgs kommen erst mit den letzten zwanzig Prozent der Anstrengung. Oder anders ausgedrückt: Wir müssen zunächst einmal einen Großteil an Zeit und Energie (80%) aufwenden, um überhaupt die ersten Erfolgserlebnisse (20%) zu bekommen. Das erfordert kurzfristig Selbstdisziplin und langfristig einen langen Atem.

Wie lange benötigen wir, um auf einem Gebiet, egal in welchem Lebensbereich, zur Spitze zu gehören? Wie lange brauchen wir, bis wir eine Sache, die wir beginnen, sehr gut beherrschen? Bis es so weit ist, dass jemand in seinem Schwerpunktthema Expertenstatus erhält, sind mindestens sieben, realistischerweise eher zehn Jahre notwendig. Zehn Jahre. Oder 120 Monate oder 3.650 Tage oder 87.600 Stunden. Doch viele Menschen gehen tatsächlich davon aus, dass sie von heute auf morgen erfolgreich werden, dass sie gar nichts dafür tun müssen und ihnen alles in die Wiege gelegt wird. Was für ein Trugschluss! Ohne Arbeit, ohne Engagement, ohne Anstrengung, ohne Selbstdisziplin und vor allem ohne Durchhaltevermögen kommen wir nicht weit im Leben. Der extreme Ausdauersport ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Training, Training und nochmals Training, über Wochen, Monate und Jahre stellen die Basis zum Erfolg dar.

Darüber hinaus bestimmen noch zwei weitere Faktoren, ob du bei einem Extremlauf durchkommst oder aufgeben musst: deine Willenskraft und eben das Durchhaltevermögen. Fehlendes Durchhaltevermögen und mangelnde Beharrlichkeit sind zwei der Hauptgründe, warum viele Menschen scheitern. Sie geben einfach zu früh auf.

Mein Impuls

Du brauchst Zeit, bis du in einem Lebensbereich wirklich Erfolg haben kannst. Nichts geschieht von heute auf morgen. Zuerst erfolgt immer die Anstrengung und erst danach, mit zeitlicher Verzögerung, erhältst du die Belohnung. Und über diese zeitliche Verzögerung musst du dir schon von Beginn an im Klaren sein.

Mach dir bewusst: du benötigst mindestens ein Jahr, um etwas zum Laufen zu bringen. Deine Selbstständigkeit, ein neues Projekt, eine große Aufgabe. Du benötigst zehn Jahre, um eine Sache exzellent zu beherrschen. Deshalb: Arbeite hart an dir und sei geduldig.

Run to the Rock

Run to the Rock

so lautet der Titel von Norman Büchers nächstem Laufabenteuer. 1120 Kilometer in 14 Tagen wird er, in Begleitung eines dreiköpfigen Teams, durch das australische Outback zum Ayers Rock laufen. Am 21. April 2012 erfolgt der Start in Laverton (Westaustralien).