Wille

Motive: Erkenne, akzeptiere und lebe deine Werte

Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.

(Friedrich Wilhelm Nietzsche, 1844–1900)

Im Oktober 2012 nehme ich bei einem der anspruchsvollsten und gleichzeitig beeindruckendsten Wüstenrennen der Erde teil: dem Kalahari Extreme Marathon in Südafrika. Dieser Lauf geht über insgesamt 250 Kilometer in sechs Etappen durch den südlichen Teil der Kalahari Wüste. 45 Läuferinnen und Läufer aus der ganzen Welt sind am Start. Unter ihnen ein junger Mann, der sich schon aufgrund seiner äußeren Erscheinung deutlich von den anderen Läufern unterscheidet: Kian aus Singapur. 34 Jahre alt, Vater von zwei Kindern und fast immer gut drauf. Ein richtig lockerer Zeitgenosse ist das. Als ich ihn vor dem Lauf in Johannesburg zum ersten Mal sehe, denke ich: Hmmm, was will denn der hier? Von seinem Äußeren passt er eher zum Sumo-Ringen als zum Laufen. Der bringt mindestens 100 Kilogramm auf die Waage. Ein Koloss von einem Mann. Wie will denn der mit so einer Statue diesen sehr anspruchsvollen Wüstenlauf bestehen? Das schafft er nie. Absolut ausgeschlossen.

Als wir im Hotel unsere Rucksäcke für den Lauf packen, erzählt mir Kian stolz, dass er durch das Training für diesen Lauf bereits 20 Kilogramm abgenommen hätte. Von 125 auf 105 Kilogramm. Mehr aus einem Verantwortungsgefühl heraus frage ich ihn daraufhin: „Wie viele Marathons bist du denn schon gelaufen?“ Nach meiner Einschätzung hätte jetzt so etwas kommen müssen wie: schon dutzende Marathons und auch schon den einen oder anderen Ultramarathon. Kian aber reagiert völlig verblüfft und antwortet mir: „Ich habe noch keinen einzigen Marathon gemacht. Mein längster Wettkampf ging über zehn Kilometer.“ Ich denke mir im Stillen: „Wow. Das ist ja mal eine gute Basis für solch einen extremen Wüstenlauf. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er aufgibt.“

Für mich ist ein großes Dilemma, denn ich mochte ihn auf Anhieb und bin froh, dass er bei diesem Lauf dabei ist, aber ich habe – gelinde ausgedrückt – ernsthafte Bedenken. Ich bin wirklich drauf und dran, ihm zu sagen: „Junge, lass mal stecken, genieß einfach die Gegend, achte auf deine Gesundheit und fahr in einem der Begleitfahrzeuge des Organisationsteams mit.“

Am nächsten Tag geht das Rennen los. Die erste Etappe über 30 Kilometer ist zum Einlaufen gedacht. 40 Grad Celsius, gleißende Sonne, sandige Strecke. Extrem kraftraubend. Ich bin begeistert von der Landschaft, voll in meinem Element und komme locker ins Etappenziel. Und irgendwann, sehr viel später als alle anderen, erreicht auch Kian das erste Lager. Er ist gut gelaunt, doch wir haben ja noch 220 lange und schwere Kilometer vor uns. Auf der zweiten Etappe, die technisch deutlich anspruchsvoller als die erste ist, gilt es 38 Kilometer zu laufen. Fünf Läufer geben heute bereits auf. Doch Kian hält irgendwie durch, kommt nach 11 Stunden im Lager an. Völlig erschöpft, fix und fertig mit der Welt – aber er ist im Tagesziel. Auch die dritte Etappe hält er irgendwie durch. Am vierten Tag steht die Königsetappe an. 79 Kilometer am Stück. 79 Kilometer durch tiefen Sand, durch gnadenlose Hitze und später auch durch die Dunkelheit. Heute wird sich definitiv die Spreu vom Weizen trennen. Nach 16 Stunden ist der letzte Läufer im Camp angekommen, einige haben aufgegeben, nur einer fehlte überhaupt: Kian. Dann kommt die Nacht. Von Kian keine Spur. Am nächsten Tag geht wieder die Sonne auf. Von Kian immer noch keine Spur.

Doch als niemand mehr wirklich an ihn glaubt, torkelt er heran und finisht auch die Königsetappe. Hundemüde, völlig dehydriert und geschwächt. 27 Stunden hat er für diesen Abschnitt gebraucht, sich mutterseelenallein durch die Nacht gekämpft und nicht aufgegeben. Alle sind fassungslos.

Kian schafft auch noch die letzten zwei Etappen und beendet den gesamten Kalahari Extreme Marathon trotz enormen Übergewichts, entgegen aller Vorhersagen und gegen jede reelle Chance. Unglaubliche 73 Stunden und 10 Minuten ist er gelaufen!

Selbstverständlich musste ich ihn, den vermeintlich Ahnungslosen, anschließend fragen, was sein Geheimnis war. Wie hatte er das geschafft? Und warum hatte er sich diese übermenschliche Anstrengung angetan? Warum das alles?

Was war seine Antwort? Ebenso einfach wie auch sofort einleuchtend und schön: Ein bedeutendes soziales Projekt in seiner Heimat war der tiefere Hintergrund für seine Teilnahme. Dafür war er über seine Grenzen gegangen. Er war für Kinder in den Waisenhäusern Singapurs gelaufen. Jeder Kilometer brachte bares Geld für diese Kinder. Immer wenn es ihm extrem schlecht gegangen, immer wenn Verzweiflung aufgekommen war, hatte er an diese Kinder gedacht. Das imponierte mir sehr und ich kann mich heute noch lebhaft daran erinnern, wie seine Augen leuchteten, als er mir davon erzählte.

Wir können Kians Geschichte übertragen und diese Sinnfrage auch in anderen Bereichen stellen. Warum liest du dieses Buch? Warum gehst du deinem aktuellen Beruf nach? Warum stehst du jeden Morgen auf? Warum bist du mit deinem derzeitigen Partner zusammen?

Vielleicht hast du dir diese Fragen schon länger nicht mehr gestellt. Deshalb ermutige ich dich: Frage dich nach deinem innersten Motiv für die jeweilige Handlung. Von deinen Motiven gehen unerschöpfliche Kräfte aus.

Mein Impuls

Ein eigenes, konkretes und messbares Ziel zu haben ist enorm wichtig. Doch es muss noch etwas Weiteres hinzukommen, um langfristig Motivation zu verspüren: das dazugehörige Motiv.

Die Frage: Warum willst du dieses Ziel erreichen?, musst du dir beantworten können. Denn wenn du dein WARUM kennst, erträgst du auch jedes WIE. Jedes Motiv ist immer stärker als das Ziel.

Deshalb: Lerne deine Motive kennen! Beschäftige dich mit deiner Persönlichkeitsstruktur. Was sind deine persönlichen Motivationsknöpfe? Was treibt dich an? Warum führst du eine bestimmte Handlung aus? Erkenne, akzeptiere und lebe deine Motive! 

Gedankenkraft: Wie unser Denken unser Leben steuert

Das Leben eines Menschen ist das, was seine Gedanken daraus machen.

(Marc Aurel, 121–180)

Meine felsenfeste Überzeugung lautet: Viele Menschen könnten von ihrem Potenzial her extreme Läufe bestreiten. 100 Kilometer und mehr am Stück zu laufen, ist grundsätzlich für viele Menschen möglich. Wenn ich in meinen Vorträgen von meinen Abenteuern berichte, geraten viele Menschen ins Schwärmen und wollen auch ihren Träumen nachgehen. Doch dann tritt bei ihnen der Gedanke auf: Das schaffe ich doch gar nicht. Das kann ich doch gar nicht. Was ist das Resultat? Sie schaffen es nicht beziehungsweise gehen das Abenteuer erst gar nicht an. Wenn wir denken, dass wir etwas nicht schaffen, dann schaffen wir es auch nicht. Nicht, weil wir es nicht schaffen, sondern weil wir denken, dass wir es nicht schaffen. Und solange wir denken, dass wir es nicht schaffen, werden wir es nicht schaffen.

Gedanken haben eine enorm große Auswirkung auf unser Leben. Sie sind die Ursache für alles, was uns im Leben passiert. Unser Denken ist die einzig unsichtbare Kraft, die wir wirklich steuern können. Deine bisherigen Ergebnisse im Leben stehen im direkten Zusammenhang mit deinem Denken. Ob ich einen Extremlauf erfolgreich beende, hängt im Wesentlichen davon ab, was ich während des Abenteuers denke beziehungsweise welche Gedanken ich zulasse.

Wir sind, was wir den ganzen Tag denken. Wir werden, worüber wir nachdenken.

Doch wie denken wir? Und was bedeutet Denken? Denken ist nichts anderes als sich den ganzen Tag unbewusst gestellte Fragen zu beantworten. Wenn ich vor einer Trainingseinheit stehe, frage ich mich: Was ziehst du heute an? Welche Route läufst du? Nimmst du einen Rucksack mit oder nicht? Jedem Gedanken geht eine unbewusst gestellte Frage voraus. Das nehmen wir meistens gar nicht mehr bewusst wahr.

Die Gedanken sind frei – sagt der Volksmund. Doch sind sie das wirklich? Können wir wirklich denken, was wir wollen? Einige Leserinnen oder Leser werden sagen: Sicher können wir das! Aber dir wird es wie den meisten Menschen gehen: Wir denken größtenteils nicht mehr bewusst, wir denken wiederholt. Die Gedankenprozesse laufen automatisch und unbewusst ab. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir nur drei bis fünf Prozent neue Gedanken zulassen. Der Rest wird wiederholt. Es ist quasi ein geistiges Wiederkäuen der immer gleichen Gedanken. Wenn du beispielsweise einen sicher geglaubten Auftrag doch nicht bekommst, werden deine Gedanken eine Zeitlang sehr wahrscheinlich immer wieder um diesen Auftrag kreisen.

Was können wir dagegen tun? Wir können an unseren Gedanken arbeiten. Das machen viele Sportler. Es bedeutet, dass ich wissen sollte, was ich denke, damit ich entscheiden kann, ob ich es denken will oder nicht. Oder kurz gesagt: Wir müssen Gedankendisziplin erlernen. Das funktioniert durch bewusste und einfache Fragen, die wir uns immer wieder stellen. Solche Fragen sind:

Was denke ich gerade?

Will ich das denken?

Erreiche ich mit diesem Denken meine Ziele?

Wir bekommen also, und das ist das Entscheidende, ein Bewusstsein über unseren aktuellen Gedankeninhalt. Das ist bedeutsam, weil jeder mehrfach wiederholte Gedanke eine Denkgewohnheit wird. Ein Denkmuster. Hast du positive oder negative Gedankenmuster entwickelt?

Gedanken haben enorme Auswirkungen, vor allem in Bezug darauf, was möglich ist. Unsere Art zu denken, setzt uns die Grenzen. Das bedeutet: Wenn wir es schaffen, unser Denken zu verändern, können wir auch unsere Grenzen verschieben. Einverstanden? Es kommt dabei nicht darauf an, wo du gerade im Leben stehst. Es kommt nicht darauf an, von wo du losläufst. Entscheidend ist, dass du wirklich bereit bist zu lernen. Erfolg ist keine Frage von WIE, sondern von WER. Und WER ist trainierbar. Das WER trainierst du, indem du lernst, deine Gedanken bewusst zu steuern. Die Macht der Gedanken in dir ist viel stärker als deine aktuelle Lebenssituation. Es ist leicht, dein Denken von den aktuellen Lebensumständen steuern zu lassen. Dazu ein Beispiel: Du bist selbstständig und hattest einige umsatzschwache Monate. Entscheidend ist nun, ob du diesen Resultaten erlaubst, deine Gedanken zu steuern. Oder ob du neue Gedanken erschaffst und dich fragst, wie du das Ruder herumreißen wirst.

Denken und vor allem selbstständiges Denken ist die anstrengendste Tätigkeit, die es gibt. Selbstständig denken heißt, Dinge kritisch zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Viele Menschen konsumieren, ohne kritisch zu hinterfragen, sind passiv und lassen sich berieseln und von der Außenwelt beeinflussen. Wer selbstständig denkt, lässt sich nicht von der materiellen Welt und der Meinung anderer beeinflussen. Die eigenen Gedanken sind die einzige Ursache für alles, was in deinem Leben passiert.

Die meisten Menschen begreifen nicht, dass sie ihre Träume verwirklichen können. Wir haben alle riesiges Potenzial in uns. Der Unterschied zwischen den Menschen liegt darin, was sie daraus machen

Einmal traf ich beim Trollinger Marathon in Heilbronn einen guten Lauffreund von mir. Wir sprachen über Gott und die Welt und natürlich über das Laufen. Er erzählte mir von seinem Traum, einmal in seinem Leben einen Wüstenlauf in der Sahara machen zu wollen. „Ich wünsche mir diesen Lauf so sehr“, waren seine Worte. Dieser Gedanke, Worte sind hörbare Gedanken, hat er nun in seinem Kopf selbst geschaffen. Doch keine zehn Sekunden später kam von ihm diese Aussage: „Der Wüstenlauf ist aber viel zu teuer. Das kann ich mir nicht leisten.“ Diesen Gedanken hat er ebenfalls selbst kreiert. Welcher Gedanke wird sich jetzt in seinem Leben durchsetzen? Jener, mit dem er die stärkere Emotion verbindet. Wenn der Wunsch, den Lauf durch die Sahara zu machen, größer ist als der Zweifel, ob er sich das leisten kann, dann wird er früher oder später den Lauf realisieren.

Mein Impuls

Gedanken erzeugen Emotionen. Und Emotionen bringen dich ins Handeln oder Nicht-Handeln. Handeln produziert Ergebnisse. Die Summe der Ergebnisse wird dein Leben.

Wenn du etwas in deinem Leben verändern willst, geht es in erster Linie nicht darum, dein Handeln zu verändern. Weil das Handeln immer nur das Symptom ist. Du musst die Wurzel des Problems anpacken und dein Denken verändern. Dauerhafte Veränderung ohne ein verändertes Denken ist unmöglich. Lerne selbstständig zu denken, indem du bewusst entscheidest, welche Informationen du in deinen Kopf lässt.

Frage dich täglich:

  • Was denke ich gerade?
  • Will ich das denken?
  • Komme ich mit diesem Denken meinen Zielen näher?