Nun ist es fast zweieinhalb Wochen her, als sich mein Traum – die Kavir Wüste im Iran zu Fuß von Nord nach Süd zu durchqueren – in Luft auflöste. Die Bilder und Erlebnisse aus dem Iran sind nach wie vor sehr lebendig und gegenwärtig. Ich kann teilweise immer noch nicht glauben, was passiert ist, beziehungsweise wie die Reise schlussendlich für mich verlaufen ist. In diesem Blogbeitrag erfährst du, wie es mir auf dem Polizeirevier in Damghan ergangen ist und warum ich nicht weiterlaufen durfte.

Nachdem ich in der iranischen Stadt Damghan am nördlichen Rand der Kavir Wüste am 21. Oktober 2016 losgelaufen bin, haben mich nach nicht mal 20 Kilometer zwei Polizisten angehalten. Ich mache mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt keinen Kopf, dass etwas schief gehen kann, da ich alle notwendigen Papiere bei mir habe. Zunächst wollen die beiden Beamten meinen Reisepass sehen, den sie sich eine gefühlte Ewigkeit anschauen. Kritische Blicke, Gemurmel auf Persisch, vereinzelt Gelächter. Einer der beiden Polizisten spricht immer wieder in sein Funkgerät. Die Zeit vergeht nur sehr langsam. Was soll das hier? Was habe ich zu erwarten? Zu diesem Zeitpunkt denke ich nur an eine Polizeikontrolle und rechne damit, dass ich gleich weiterlaufen darf.

Seit wann bist du im Iran, fragt mich einer der beiden Polizisten. Wie lange bist du bereits in Damghan? Was hast du vor? Fragen über Fragen. Einigermaßen ruhig und sachlich beantworte ich sie. Doch die Antworten reichen den Beamten wohl nicht aus, denn sie bitten mich mit aufs Polizeirevier zu kommen. Ein ungutes Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Auf meine Frage, ob ich später weiterlaufen dürfe, erhalte ich keine Antwort. Der eine Polizist spricht immer noch permanent in sein Funkgerät. Mit wem? Ich komme mir ein wenig verloren vor. Mit Ach und Krach schaffen wir es, meinen Ziehwagen mitsamt dem Gepäck auf die Rückbank des Polizeiwagens zu legen. Fünfzehn Minuten später halten wir vor einem verschlossenen Tor in Damghan, das auf Befehl geöffnet wird. Vor einem etwas älteren und renovierungsbedürftigen Gebäude hält der Wagen. Die beiden Beamten bitten mich hier draußen vor dem Gebäude zu warten. Und wenig später weiß ich auch warum. Ein kleiner Geländewagen fährt auf das Gelände und hält direkt vor uns. Das muss der Chef sein, denke ich mir, als ein Mann mit Vollbart und elegantem Hemd aussteigt und flotten Schritts auf uns zukommt. Ein intensiver erster Blickkontakt, ein kräftiger Händedruck und kurzer Austausch mit den beiden Polizisten. Mit strengem Blick und klarer Geste signalisiert er mir, mit ins Gebäude zu kommen. In einem spärlich eingerichteten Raum setzen wir uns. Der Polizeichef nimmt direkt neben mir Platz und fixiert mich weiterhin ganz aufmerksam.

Warum bist du hier, eröffnet er das Gespräch in einem exzellenten Englisch. Warum bist du in den Iran gekommen? Seit wann bist du in Damghan? Wo willst du hin? Welche Orte willst du besuchen? Ich versuche so sachlich wie möglich seine Fragen zu beantworten. Es geht immer weiter, eine Frage jagt die nächste. Direkt und geradlinig führt er das Gespräch. Dabei schaut er mit tief in die Augen. Was hast du alles dabei? Hast du auch ein GPS-Gerät in deinem Rucksack? Und ein Satellitentelefon? Dann will er meine Kamera sehen. Jedes Bild (wirklich jedes Bild!!!) schaut er sich ganz aufmerksam an. Warum hast du dieses Gebäude fotografiert, kommt plötzlich die Frage. Warum? Mit zunehmenden Fragen wird es für mich immer unklarer, wohin das Ganze führen soll. Wie sehen sie mich? Als Sportler, Tourist, Spion oder gar Terrorist?

Bei der Planung der Expedition habe ich bewusst diese Strecke durch die Kavir Wüste gewählt, weil es hier kein Militärsperrgebiet gibt. „Ich will nur zu Fuß durch die Wüste laufen und ihr wunderbares Land erkunden. Das ist alles.“, gebe ich immer wieder zurück.

Dann will auch er meinen Reisepass sehen. Eine gefühlte Ewigkeit sieht er sich alle meine Visa und Stempel diverser Länder an, die ich in den letzten Jahren bereist habe. Warum bist du in Istanbul gewesen, kommt für mich völlig unerwartet die Frage. Das liegt schon über vier Jahre zurück. Was soll die Frage, denke ich mir. Wie lange bist du in Istanbul gewesen…Wie heißt dein Vater mit Vornamen… Die abstrusen Fragen finden kein Ende. Mir ist hier jegliches Zeitgefühl völlig abhanden gekommen. Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin und wohin das Ganze führt.

Was ich eben gesagt habe, darf ich nun in schriftlicher Form in mehreren Fragebögen zum Besten geben. Der Chef der Polizeiwache telefoniert dabei und schaut sich abermals meine Papiere an. Was passiert nun? Wie geht es weiter? Die fehlende Gewissheit treibt meinen Puls nach oben. Dann erhebt sich der Polizeichef von seinem Stuhl, kommt auf mich zu und sagt mir direkt ins Gesicht: „Du darfst nicht weiterlaufen. Aus Sicherheitsgründen ist es für Ausländer verboten, alleine durch die Wüste zu laufen. Hast du das verstanden?“

Als ich diese Nachricht höre, bin ich wie konsterniert. Das darf doch nicht wahr sein. Mein Traum zerplatzt von einer Sekunde zur nächsten. Alles Bitten und Betteln bringt nichts. Meine akribische Vorbereitung, die vielen Trainingskilometer, die unzähligen Trainingsstunden, das investierte Geld für die Expedition… alles für die Katz! Ich bin am Boden zerstört und kann das alles noch gar nicht begreifen. Es ist ungemein frustrierend, wenn du fit bist und einfach nur laufen willst, aber nicht darfst. Der Polizeichef macht mir deutlich, dass ich Damghan verlassen und zurück nach Teheran müsse. Er und die beiden Polizisten bringen mich höchstpersönlich zu einem Taxistand, wo ich wieder zurück in die Hauptstadt fahre.

Für die Schönheit der Landschaft und die Gespräche mit den anderen Fahrgästen (ich befinde mich in einem Sammeltaxi) habe ich leider nichts übrig. Wie in Trance sitze ich auf dem Beifahrersitz und bin einfach nur leer. Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Wie geht es nun weiter? Wie gehe ich mit dieser Situation um? Was mache ich in Teheran?