Nun ist es bereits über eine Woche her. Der Schmerz ist gegangen. Die Vernunft hat gesiegt. Mein Abbruch beim Andorra Ultra Trail hat mich noch ein paar Tage intensiv beschäftigt. Wie konnte es zum Sturz kommen? Hätte ich diesen verhindern können? War meine Vorbereitung auf den Lauf optimal? Fragen über Fragen. Fakt ist, dass es der Andorra Ultra Trail (auf der großen Runde „Ronda del Cims“) gewaltig in sich hatte. Mit einer Länge von 170 Kilometern und 13.000 Höhenmetern in maximal 62 Stunden gilt er als einer der schwierigsten Bergläufe der Welt. Vor allem der technische Anspruch ist bei diesem Rennen enorm. Das musste ich leibhaftig spüren. Häufig führte der Weg über kantige Felsen, loses Geröll und rutschige Schneefelder extrem steil den Berg hinauf und wieder bergab. Ganz steile Passagen mussten mit Hilfe von Drahtseilen überwunden werden. An ein normales Laufen war hier überhaupt nicht mehr zu denken. Auf einer tückischen Bergab-Passage bei Dunkelheit passierte es. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon gut 65 Kilometer in den Beinen und war 18 Stunden nonstop unterwegs. Meine Laufuhr zeigte kurz nach 1 Uhr am Morgen an. Der holprige Bergpfad führte sehr steil nach unten. Nur der schmale Schein meiner Stirnlampe gab mir noch Orientierung. Einen Moment der Unachtsamkeit ließ mich auf einem Felsen ausrutschen. Ich stürzte und fiel dabei auf meinen rechten Ellenbogen. Auuh! Ein stechender Schmerz zog es mir in den Arm. Mein erster Gedanke: hoffentlich ist nichts gebrochen?

Die ärztliche Vor-Ort-Behandlung beim nächsten Checkpoint in Margineda ergab zwar die Entwarnung: Kein Bruch. Trotzdem war ich vor eine schwierige Entscheidung gestellt: Soll ich, unter Schmerzen, weiterlaufen oder den Lauf abbrechen? Ich musste eine Entscheidung treffen. Und ich entschied mich für Abbruch. Das war zunächst einmal hart, doch ich spürte in diesem Moment, dass es der richtige Entschluss war. Und auch jetzt, wenn ich zuhause in meinem Büro diese Zeilen schreibe, fühle ich mich weiterhin in meiner Entscheidung bestätigt. Für mich wäre der Preis, wenn ich weitergelaufen wäre, einfach zu hoch gewesen.

Der Andorra Ultra Trail hat mir gezeigt, dass man sein Ziel nicht immer mit aller Willenskraft erreichen muss, wenn der Preis dafür zu hoch ist. Es ist genauso wichtig, seine eigenen Grenzen zu erkennen und diese auch akzeptieren zu können. Ist es manchmal nicht sogar klüger, in einer bestimmten Situation aufzuhören als sich kaputt zu machen? Ist es manchmal nicht sogar klüger, die Vernunft über die Willenskraft zu stellen? Ist es nicht sogar ein Zeichen der Stärke, wenn man einen Lauf, ein Projekt oder ein großes Ziel auch einmal abbricht?

Wir haben in unserem Leben nicht nur Erfolge, Siege und glorreiche Momente. Im Gegenteil. Unser Leben gleicht einer Achterbahn. Hochs und Tiefs wechseln sich ab. Erfolge und Niederlagen halten sich die Waage. Die entscheidende Frage ist: Wie gehe ich mit einem Abbruch um? Was mache ich aus solch einer Situation? Ich kann mich verkriechen und aufgeben. Oder ich sehe dem Rückschlag ins Auge und mache weiter. Ich entscheide mich immer für die zweite Option. So auch nach dem Lauf in Andorra.

Was mir durch den Lauf in Andorra wieder bewusst geworden ist: Wenn du dir ein großes Ziel setzt, dann wirst du auf dem Weg dorthin unzählige Erfahrungen sammeln, positive wie negative. Du wirst das eine oder andere Mal auf die Schnauze fallen. Das ist völlig normal. Wir stürzen. Wir stehen wieder auf. Wir entwickeln uns weiter. So ist das Leben.

Andorra Ultra Trail